Ludwig Clasen (Robert Atzorn) und Ursula Friedrich (Suzanne von Borsody). Foto: © SWR/Christine Schroeder
"Bis nichts mehr bleibt", Mittwoch, 31.03.2010, Das Erste, 20.15 Uhr
Eine Familie gerät in die Fänge von Scientology
In dem TV-Drama "Bis nichts mehr bleibt" (Regie: Niki Stein) geht es um die Methoden von Scientology. Es geht um Verführung und Verführte, um Macht und deren Missbrauch, um Verblendung und Hörigkeit. Aber auch um Hoffnung ... Robert Atzorn spielt den Vater von Gine (Silke Bodenbender), die in den Bann der Scientologen geraten ist. Im Interview beschreibt Schauspieler Robert Atzorn seine Rolle und was vor Scientology und seinen Mechanismen schützt.
TV DIGITAL: Der erste Spielfilm über Scientology – warum ist das ein wichtiger Film?
Robert Atzorn: Die ARD hat selten dermaßen Stellung bezogen zu einer Sache. Das ist immens wichtig, denn das Thema Scientology ist untergegangen, es wird kaum noch darüber geredet. Die letzte große Diskussion fand statt, als Tom Cruise den Bambi bekam. Weil niemand mehr über Scientology redet, kann die Sekte im Stillen operieren – dabei ist sie eine unterschätzte Gefahr. Mir selbst war nicht bewusst, welch gefährliche Konsequenzen die Mitgliedschaft bei Scientology mit sich bringt. Dabei klingt am Anfang alles ganz harmlos: Kurse belegen, Grenzen überschreiten und Neurosen abbauen – wer will das nicht? Doch dass am Ende vielleicht Straflager warten, und man in einen Mahlstrom aus Gefahren gerät, darauf muss erst mal hingewiesen werden. Das macht unser Film. Und er zeigt obendrein, dass die Sekte ihre Mitglieder nicht mehr aus ihren Klauen lässt – und sie zwingt, Beziehungen zu Familienangehörigen und Freunden abzubrechen.
TV DIGITAL: Waren Ihnen diese Strukturen vor dem Dreh bekannt?
Robert Atzorn: Nein. Ich dachte, Scientology sei eine Geschichte, bei der Menschen Kerzen anzünden und Kurse belegen – eine Art Erfolgsprogramm mit der Überbezeichnung Kirche. Insofern hat mich das Ganze zuvor nicht tangiert.
TV DIGITAL: Haben Sie sich vor Drehbeginn mit Scientology-Experten getroffen, um sich perfekt auf die Rolle vorbereiten zu können?
Robert Atzorn: Nein, denn als Vater, dessen Tochter in die Klauen der Sekte gerät, muss ich das alles nur aus der Randperspektive betrachten. Doch das hat mir schon gereicht. Außerdem habe ich die von Tom Cruise nicht autorisierte Biografie gelesen. Dass er sie nicht autorisiert hat, habe ich im Nachhinein absolut verstanden – schließlich enthüllt sie alles über ihn und seine Mitgliedschaft bei Scientology.
TV DIGITAL: Wie lässt sich Ihre Rolle beschreiben?
Robert Atzorn: Als hilfloser Vater, der der Übermacht der Scientologen ohnmächtig gegenübersteht. Im Film schreckt die Sekte vor nichts zurück. Wegen einer Art Gehirnwäsche wirft ihm schließlich sogar die eigene Tochter sexuellen Missbrauch vor – erstunken und erlogen. Das ist soweit entfernt von menschlichem Verhalten, dass man sogar soweit gehen kann, Scientology als System zu beschreiben, das Menschen zu funktionierenden Automaten macht.
TV DIGITAL: Ihr Fazit nach Drehende: Was schützt vor Scientology und seinen Mechanismen?
Robert Atzorn: Schwierig zu sagen. Intelligenz leider nicht, am ehesten wahrscheinlich ein funktionierender Lebensplan, mit beiden Beinen auf sicherem Grund zu stehen und Selbstbewusstsein. Gefährdet sind am ehesten Mitmenschen, die Defizite haben oder unter Ängsten leiden – etwa Autoritätsängste oder Suchtgefährdungen. Denn Scientology lockt damit, dass sich diese Ängste und Gefährdungen durch spezielle Kurse besiegen bzw. überwinden lassen. Doch erstens kosten die Kurse viel Geld, und zweitens gerät man dadurch schnell in die Mühlen der Sekte.
TV DIGITAL: Sekten gab es schon immer. Was unterscheidet Scientology von anderen Verbindungen?
Robert Atzorn: Der Glamour. Werbetrailer von Scientology klingen wie die tollste Sache der Welt. Ihre Versprechen: Freikommen von Drogen, Nachhilfe in der Schule, als Erster den Opfern von Naturkatastrophen wie in Haiti helfen – und Freunde auf der ganzen Welt finden. Oder vielleicht mal John Travolta treffen. Dabei geht’s den Scientologen wohl nur um das liebe Geld und Machtausübung.
TV DIGITAL: Stehen Sie Filmen von Scientologen wie Will Smith und Tom Cruise jetzt skeptischer gegenüber?
Robert Atzorn: Nein, ich schaue eh keine Filme von Tom Cruise, weil ich Actionfilme nicht mag, dasselbe gilt für Will Smith. Doch, wenn ich mal wieder einen ihrer Filme anschaue, werde ich das skeptischer tun und auf versteckte Botschaften achten.
TV DIGITAL: In Ihrem Film erinnern die Scientologen ein wenig an Science-Fiction-Streifen à la "Die Körperfresser kommen" – denn plötzlich ist die liebe Nachbarin auch Scientologin.
Robert Atzorn: Richtig. Scientologen outen sich nicht. Ihre ganze Philosophie ist krude. Sie machen ja sogar Verträge darüber, dass Ehepartner in diesem Leben keinen Sex mehr haben, um die Produktivität auf anderen Gebieten zu steigern – und sich dafür im nächsten Leben wiederzufinden und es dann richtig krachen zu lassen. Das ist schon abstrus. Verlockend indes erscheinen Pseudowerte und Aufstiegsmöglichkeiten der Sekte. Sie bedient die Sehnsucht nach geregelten Strukturen und Abläufen.
Artikel vom 17. März 2010
Autor: Mike Powelz - Fotos: © SWR/Christine Schroeder
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