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Interviews
Bestsellerautor Daniel Kehlmann spricht mit TV DIGITAL

Bestsellerautor Daniel Kehlmann spricht mit TV DIGITAL über die Verfilmung seines Romas ''Die Vermessung der Welt''. / Foto: © dpa

Bestsellerautor Daniel Kehlmann im Interview

Über ''Die Vermessung der Welt''

Ein Roman wird zum Bestseller, und ein paar Jahre später kommt zwangsläufig der Film, der aus der Popularität seinen Nutzen zieht, egal wie schlecht er auch sei. Das ist Gesetz des Kinos. Klingt ganz einfach – ist es aber nicht in jedem Fall: Mit ''Die Vermessung der Welt'' (ab 25. Oktober im Kino) wurde ein eigentlich "unverfilmbares" Buch umgesetzt. So nennt es Romanautor Daniel Kehlmann selbst, der mit Regisseur Detlev Buck auch das Drehbuch schrieb. Im Interview spricht der 37-Jährige über Literaturverfilmungen, fehlende Filmdramaturgie und die Bedeutung des Codeworts "Jane Austen".

TV DIGITAL: Was erhoffen Sie sich als Schriftsteller vom Film – so wenig wie Krimiautor James Ellroy, der sagt: "Ist mir egal, Hauptsache, ich verdiene Geld"?

Daniel Kehlmann: Normalerweise würde ich mich dem anschließen, aber ich habe ja mit Detlev Buck das Drehbuch geschrieben – ich kann mich also nicht einfach distanzieren. Als Romanautor arbeitet man allein, und das Zusammenarbeiten mit Menschen auf verschiedenen Ebenen – und mit praktischen Problemen wie "Uns fehlt eine Million Euro, du musst diese Szene weglassen" – war ein interessantes Experiment, das ich genossen habe. Sogar die Geldprobleme.

TV DIGITAL: Wie kam es zur Verfilmung?

Daniel Kehlmann: Claus Boje von der Produktionsfirma Boje Buck hat sich sofort nach Erscheinen des Buches gemeldet – bevor es ein Bestseller war. Nachdem andere Drehbuchfassungen scheiterten und das Projekt einen toten Punkt erreicht hatte, sagte ich: "Jetzt ist der Druck so gering, da versuche ich es mal."


Kinotrailer zu ''Die Vermessung der Welt'':

Hier: KInorezension zu ''Die Vermessung der Welt''


TV DIGITAL: Wie waren die Treffen mit Regisseur Detlev Buck?

Daniel Kehlmann: Ganz toll. Über ein Jahr lang saß ich immer wieder mit ihm zusammen. Allein deswegen war es ein Vergnügen. In allen wesentlichen Fragen waren wir von Anfang an auf der gleichen Wellenlänge. Keiner musste Überzeugungsarbeit leisten, etwa bei der Lateinstunde der Brüder Humboldt, die wir tatsächlich auf Latein stattfinden lassen. Oder dem Besuch bei Immanuel Kant. Da weiß man: 40 Prozent der Zuschauer wissen wahrscheinlich nicht genau, was das bedeutet oder wer das war.

TV DIGITAL: Warum ist der Anfang anders als im Buch?

Daniel Kehlmann: Der Hauptgrund war: Alle, die das Buch gelesen haben, erwarten, dass jetzt erst mal eine Kutsche vorfährt und sich zwei alte Leute begrüßen. Wir haben gleich gedacht: Das machen wir nicht. Unser Codewort dafür war "Jane Austen". Nichts gegen die Schriftstellerin, damit waren diese gediegenen BBC-Verfilmungen gemeint, von denen jedes Jahr zwei herauskommen. Die sind ganz schön, aber genau das, was wir nicht wollten. Deshalb gibt’s bei uns den alten tibetischen Lama, der Humboldt bittet, seinen Hund wieder aufzuwecken. Diese Szene gibt es im Roman, aber sie ist leicht zu übersehen. Am Schluss läuft der Hund lebendig durchs Bild, was nie erklärt wird und ein paar wütende Briefe einbringen wird ...

TV DIGITAL: War das Buch für Sie eigentlich verfilmbar – mit all der Lakonik, der Verknappung, den fehlenden Konflikten?

Daniel Kehlmann: Ich habe das erst gedacht – und das war ein Irrtum. Ganz viele Leute haben gesagt: "Da sieht man ja schon den Film, das ist toll verfilmbar!" Dadurch habe ich das selber geglaubt. Aber als ich die älteren Drehbuchfassungen gelesen hatte und anfing, mich damit zu beschäftigen, wurde mir klar: Das ist überhaupt nicht leicht! Diese Struktur von zwei Leben, die nur motivisch miteinander zu tun haben, sich die meiste Zeit aber gar nicht kreuzen und erst im Alter treffen – das ist das Gegenteil gängiger Filmdramaturgie. Bei Humboldts Reisen passieren zwar Dinge, aber es ist dennoch nicht der ganz große Abenteuerfilm, sondern mehr eine philosophische Komödie, bei der es keinen ganz klaren, strengen Handlungsbogen gibt. Ältere Drehbuchfassungen wollten das unbedingt aufs Herkömmliche zurechtbiegen. Aber wir haben uns entschlossen, einen offenen, luftigen Film zu machen. Und so sitzen Gauß und Humboldt ja auch am Ende in Handschellen da, und man erfährt nie, wie sie herauskommen. Jeder Drehbuch-Coach würde das untersagen!

TV DIGITAL: Wie geht es Ihnen, wenn Sie ein Buch gern gelesen haben und die Verfilmung ins Kino kommt?

Daniel Kehlmann: Es gibt das Vorurteil: Gute Literatur kann man nicht verfilmen. Das sagen die Leute, nicken bedeutungsvoll und haben das Gefühl, sie hätten etwas ganz Tiefsinniges geäußert. Aber in Wirklichkeit sind einige der besten Filme Literaturverfilmungen. Angefangen bei "No Country for Old Men" von den Coen-Brüdern bis zu Klassikern wie "Barry Lyndon" oder "The Shining" von Stanley Kubrick. Gerade "Barry Lyndon" war ein Vorbild für diesen Film – und auch schon für das Buch. Natürlich ist man bei Literaturverfilmungen oft enttäuscht – aber bei anderen Filmen ja auch.

TV DIGITAL: Sie sind auch Sprecher des Films.

Daniel Kehlmann: Ich habe mich nicht vorgedrängelt! Plötzlich wollte Detlev Buck meine Stimme verwenden. Ich sagte: Nimm lieber einen Schauspieler. "Nein, dann haben wir den Märchenonkelton." Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment ist oder nicht, aber am Ende wurde ich ins Tonstudio geschickt.

TV DIGITAL: Über das Buch wurde gesagt, dass es ein Publikum für Niveauvolles fand. Wird das beim Film genauso?

Daniel Kehlmann: Ja, das glaube ich fest. ''Die Vermessung der Welt'' kann für junge Leute, die einen interessanten Film sehen wollen, funktionieren – aber eben auch für die, die sich mehr für Geschichte oder Wissenschaft interessieren oder für Fragen wie "Was ist eigentlich Freiheit?". Ob die dann wirklich hingehen oder zu Hause bleiben, weil es an dem Wochenende gerade regnet, das weiß ich nicht.

TV DIGITAL: Vielen Dank, Daniel Kehlmann, für das Interview.

Artikel vom 25. Oktober 2012

Autor: Oliver Noelle

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