Fotos © ARD Degeto/Thorsten Jander, © ARD Degeto/Boris Guderjahn, © ARD Degeto/Svenja von Schultzendorff
In dem Zweiteiler "Gier" (Arte, 15.01., Teil eins: 20.15 Uhr, Teil zwei: 21.45 Uhr; Wiederholung: Das Erste, Teil eins: 20.01., Teil zwei: 21.01., jeweils 20.15 Uhr) erzählt Regisseur Dieter Wedel (70) die Geschichte eines charismatischen Anlegebetrügers, der die Reichen um Millionen prellt. Hintergrundinfos für sein Drehbuch holte sich der Regisseur beim echten Hochstapler Jürgen Harksen (49).
TV DIGITAL: Dieter – der Film! Könnte "Gier" auch so heißen? Immerhin trägt Ihr Hochstapler den gleichen Vornamen wie Sie…
Dieter Wedel: "Dieter - der Film" gab’s schon. Mit einem sehr lustigen Dieter. Nee, da bleiben wir lieber bei "Gier". Ich bin zwar auch ein Geschichten-Erzähler und versuche, Partikel der Wirklichkeit zu einer neuen Wahrheit zu verdichten. Hochstapler verfahren umgekehrt. Sie benutzen Partikel der Wirklichkeit und versprechen Unwahrheiten. Es ist schön, wenn viele meinen, ,"Gier" sei topaktuell, aber vor allem soll der Zweiteiler gut unterhalten. "Gier" ist, finde ich, ein spannender Thriller, bei dem man auch mal lachen kann. Übrigens gibt es bei der Geschichte noch einen dritten Dieter. Dieter Bohlen wurde vom Hochstapler Jürgen Harksen geschröpft und der wiederrum hat mich bei der Entwicklung der Betrügerfigur Dieter Glanz inspiriert.
TV DIGITAL: Doch was ist aktuell an "Gier"?
Dieter Wedel: Dauernd fliegen Hochstapler auf; Madoff in Amerika; gerade wurde wieder ein Betrüger in Deutschland geschnappt, der über 500 Millionen ergaunert haben soll. Es sind immer dieselben Versprechungen: "Gibst du mir jetzt, kriegst du in Zukunft ein Vielfaches." Viele Menschen gehen solch großmäuligen Anlageberatern ähnlich gläubig auf den Leim wie einem Sektenguru. Der verspricht als Belohnung statt viel Geld eine selige Zukunft. Der Dieter Glanz, den Ulrich Tukur spielt, ist größer, charismatischer und spannender als all die Hochstapler, Anlagebetrüger und Bankberater, bei denen ich recherchiert habe. Aber er bedient sich natürlich der gleichen Mittel.
Es gibt noch eine weitere Ähnlichkeit zum Sektenguru: Diese Anlagebetrüger gaukeln Freundschaft vor, fordern absolutes Vertrauen und lassen ihre Kunden glauben, einer auserwählten Gruppe von Jüngern anzugehören. Es ist nicht nur die Gier nach Geld, die diese Kunden antreibt, sondern auch die Gier nach einem anderen, erfüllteren Leben.
TV DIGITAL: Gier – was ist das?
Dieter Wedel: Eine menschliche Eigenschaft. Ohne Neugier beispielsweise bewegt sich nichts vorwärts. In "Wall Street" hält Michael Douglas eine Rede über den Nutzen der Gier, die Amerika zu dem gemacht hat, was es ist. Dieser Text ist wortwörtlich einer Rede des Börsenspekulanten Ivan Boesky entnommen, die er vor Studenten gehalten hat. In den letzten Jahren konnten wir aber alle beobachten, wie Gier in blinde Habgier umschlug. Es zählt nur noch der Profit, bei Zeitungen und Büchern nur noch die Auflage und nicht mehr der Inhalt.
Würden Bert Brecht oder Gottfried Benn heute noch verlegt? Wohl kaum! Auch in meinem Beruf zählt nur noch die Einschaltquote. Wir alle wissen, dass die nicht allein von der Qualität eines Films abhängig ist. Gierige Banker haben Schuldenpakete gebündelt und mit diesen glänzenden Verpackungen ohne Inhalt die Weltwirtschaft an den Abgrund geführt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft nur noch auf die Verpackung achten, nicht mehr auf den Inhalt, und plötzlich ebenfalls am Abgrund stehen.
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