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TV DIGITAL
Interviews
Regisseur Joe Wright und Schauspielerin Keira Knightley

Regisseur Joe Wright und Schauspielerin Keira Knightley haben zusammen die Tolstoi-Verfilmung ''Anna Karenina'' gedreht. / Foto: © picture alliance /AdMedia

Zum Kinostart von ''Anna Karenina''

Keira Knightley und Regisseur Joe Wright im Interview

Bisher war sie im Kino eher ein sexy Soapstar: Anna Arkadjewna Karenina, Ehebrecherin aus Leo Tolstois weltberühmtem Roman, wurde auf der Leinwand gern als tragisch Scheiternde gezeigt – am liebsten in schön schwülstigen Bildern. In der Neuverfilmung mit Keira Knightley (ab 6. Dezember im Kino) zeigt Regisseur Joe Wright erstmals auch negative Seiten ihres Charakters. Zudem gibt er anderen Figuren dieser Gesellschaftschronik neben Anna (die im Buch auch erst spät auftritt) mehr Raum – und überrascht mit einer tollen Idee, die Zeit (und Geld) spart sowie dem zweistündigen Film viel Drive verleiht: Fast alle Szenen spielen in einem riesigen Theater! In TV DIGITAL verraten Wright und Knightley alles über ihren Ansatz – und was es mit fehlenden Happy Ends und Post-its auf sich hat.

TV DIGITAL: Warum haben Sie überhaupt eine weitere Verfilmung von ''Anna Karenina'' machen wollen?

Joe Wright: Als ich 40 wurde – verheiratet, das erste Kind war unterwegs – hatte ich einen Zeitpunkt in meinem Leben erreicht, an dem ich der Geschichte von Tolstoi sehr zugetan war. Ich denke, er war an einem ähnlichen Punkt in seinem Leben.

TV DIGITAL: Wann haben Sie entschieden, nicht an Schauplätzen des Romans zu drehen, sondern wie im Theater?

Joe Wright: Erst zwei Monate vor dem Dreh. Wir hatten viel Zeit in Russland verbracht und uns nach Drehorten umgesehen. Aber das fühlte sich an, als würden wir bekannten Boden betreten. Und da fand ich es aufregend, etwas ganz anderes zu machen. Große Teile des Budgets werden oft für Dinge verwendet, die der Zuschauer nie sieht: Hotels, Reisen. Das ist doch sinnlos! Wir haben uns auch früh entschieden, Kitty und Lewin so viel Platz wie im Buch zu geben. Lewin – das ist Tolstoi selbst, das ist große Romantik. Anna und Wronski – das ist die Sexgeschichte.

TV DIGITAL: Wie hoch war der Druck für Sie, Frau Knightley, diesen Film zu tragen?

Keira Knightley: Anna ist ein extrem schwer zu spielender Charakter! Da sind sich alle einig. Dass wir uns entschieden, sie nicht als unschuldiges Opfer zu zeigen, wie viele sie immer sahen, macht es noch heikler. Du stellst ihre negativen Seiten dar, aber sie darf dadurch nicht abstoßend wirken. Mal erscheint sie unschuldig, dann wieder als dämonisches Miststück. Man kann zu weit gehen, sodass die Leute sagen: "Ich mag Anna gar nicht. Ist mir egal, ob sie vor den Zug springt." Es wird Zuschauer geben, die unsere Anna hassen.


Kinotrailer zu ''Anna Karenina'':

Hier: Kinorezension zu ''Anna Karenina'' mit Keira Knightley


TV DIGITAL: Ist "Anna Karenina" für Sie ein Film über eine Ehebrecherin oder über eine Freiheitssuchende?

Keira Knightley: Beides. Sie sucht ihre Freiheit, aber sie ist auch hinterlistig und manipulativ. Ich finde, man kann sie nur verurteilen, wenn man sich moralisch überlegen fühlt – und das tue ich nicht. Sie ist völlig menschlich. Ich mag sie manchmal nicht, aber jeder muss überlegen: Verhältst du dich besser?

TV DIGITAL: Wann haben Sie das Buch gelesen?

Keira Knightley: Mit 20 habe ich es erstmals verschlungen – als Romanze. Beim Wiederlesen dachte ich: Oh, ist das düster! Auch heute ist es so: Wer die gesellschaftlichen Regeln verletzt, der hat einen ganzen Pakt gegen sich.

TV DIGITAL: Ist dieser berühmte Charakter noch ein wenig bei Ihnen geblieben nach den Dreharbeiten?

Keira Knightley: Ja, schon wegen der Intensität der Arbeit. Das Schwere war die hohe Zahl der Kameraeinstellungen. Statt wie sonst zwei waren es 15 Einstellungen pro Szene an einem 16-Stunden-Tag – und immer musste man in diesem emotional intensiven Zustand bleiben. Das ist toll, du gehst abends nach Hause, und die Spannung ist noch da.

Joe Wright: Daran waren aber auch deine Post-its nicht unschuldig. Deine Ausgabe des Romans war am Ende doppelt so dick!

Keira Knightley: Ja, ich mag Büromaterial! Es gibt mir das Gefühl, viel gearbeitet zu haben.

TV DIGITAL: Wie war die Arbeit an der grandiosen Tanzszene?

Keira Knightley: Hart! Doch wenn man ein bisschen Yoga gemacht hat, ist das okay. Du musst dein Bein über den Kopf biegen, rennen, alle Glieder in verschiedene Richtungen strecken – wir haben geschwitzt und waren immer wieder krank.

Joe Wright: Hart war vor allem der Tag, an dem Aaron Johnson krank war. Er sah aus, als müsse er kotzen. Diese Szene sollte wie ein Ballett sein. Ich bin fasziniert davon, wie Menschen kommunizieren nur durch Körperlichkeit. Die Tanzszenen im Film stehen nicht für sich, sie sind eine Erweiterung der Augenblicke, in dem die zwei nicht tanzen.

TV DIGITAL: Mögen Sie eigentlich kein Happy End in Ihren Filmen?

Keira Knightley: Stimmt, ich sterbe am Ende in jedem meiner Filme der letzten fünf Jahre! Nach Drehschluss dachte ich: Ich muss jetzt mal etwas richtig Positives machen. Deshalb bin ich im Sommer nach New York gegangen und habe einen Film darüber gedreht, wie man ein Plattenalbum aufnimmt. Er heißt "Can a Song Save Your Life?".

Joe Wright: Und ich mache als Nächstes eine sehr, sehr, sehr leichte Komödie – übrigens fürs Theater!

TV DIGITAL: Vielen Dank, Keira Knightley und Joe Wright, für das Interview.

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Artikel vom 06. Dezember 2012

Autor: Oliver Noelle

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