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Interviews
Regisseur Tom Tykwer mit Lana Wachowski.

Regisseur Tom Tykwer mit Lana Wachowski bei der Premiere von ''Cloud Atlas'' (Kinostart: 15. November) im Rahmen des 37. "Toronto International Film Festival". - Foto © picture alliance / landov

Über sein Filmprojekt ''Cloud Atlas''

Regisseur Tom Tykwer im Interview

Sechs Episoden starten in nur 60 Sekunden – schon der Auftakt von ''Cloud Atlas'' hat es in sich. Das Megaprojekt von Tom Tykwer ("Lola rennt") und den Geschwistern Andy und Lana Wachowski ("Matrix") nach dem wuchtigen Bestseller "Der Wolkenatlas" von David Mitchell stellt gleich zu Beginn klar, "dass wir nicht sechs Geschichten erzählen, sondern eine, dass wir keine Episoden erzählen, sondern eine einzige Geschichte", wie Tykwer sagt. Im Exklusiv-Interview mit TV DIGITAL spricht der 47-Jährige über das Problem, Qualität ins Kino zu bringen, die Wachowskis – und Friedrich Nietzsche.

TV DIGITAL: Wie kam es zu diesem gemeinsamen Projekt mit Andy und Lana Wachowski?

Tom Tykwer: Ausgangspunkt war, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen wollten. Aus diesem Grund hatten sie sich zweimal entschlossen, in Berlin zu drehen. Aber an dem Tag, als sie für "V for Vendetta" in Berlin ankamen, bin ich abgeflogen und war ein Jahr lang weg für die Preproduction von "Das Parfum". Dann sind sie zu "Speed Racer" wiedergekommen – und ich musste nach Istanbul für "The International". Parallel dazu hatte Natalie Portman, die ein absoluter Bücherwurm ist und auch mir schon viele gute Empfehlungen gegeben hat, das Buch Lana Wachowski gegeben. Sie zeigte es Andy, und die beiden riefen mich an und sagten: Wir haben vielleicht etwas gefunden.


Kinotrailer zu ''Cloud Atlas'':

Hier: Kinorezension zu ''Cloud Atlas'' von Regisseur Tom Tykwer


TV DIGITAL: War "Cloud Atlas" eine ähnliche Herausforderung für Sie wie die Verfilmung von "Das Parfum"?

Tom Tykwer: Es war noch komplexer. Ich habe nie ganz verstanden, warum "Das Parfum" als so große Herausforderung gesehen wurde. Ich meine, das Buch hat ja auch nicht gerochen – und es war dennoch zutiefst beeindruckend in seiner Übersetzung des sensorischen Vorgangs. Bei "Cloud Atlas" gab es deutlich ambitioniertere strukturelle Anforderungen für eine Übersetzung ins Filmische. Der Roman ist aus elf großen Abschnitten aufgebaut, die jeweils 50, 60 Seiten lang sind. Man kann nicht ernsthaft loslegen und dann nach 90 Minuten Film noch eine neue Geschichte und neue Charaktere einführen. Das ist ermüdend, das würden wir selbst als Zuschauer zu experimentell und anstrengend finden. Das Verrückte am Roman ist der Effekt, dass man ihn in großen Abschnitten liest, die aber im Rückblick sehr stark miteinander verschmelzen. Wir wollten dieses Phänomen übersetzen und wussten, dass wir dafür andere Methoden anwenden mussten.

TV DIGITAL: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Tom Tykwer: Wir haben gesagt: Lasst uns das zusammen schreiben, denn dann wissen wir, dass wir es auch zusammen drehen können! Nach dem Schreiben wird es einfacher, da ist Film eine sozial-kreative Angelegenheit. Wir haben uns in einem Arbeitsurlaub in einem Haus eingeschlossen und begonnen, auf Karteikarten unsere Lieblingsmomente des Buches zu schreiben und diese auf dem Fußboden zu verteilen. Irgendwann war das ganze Haus voll – es wuchs in die Küche rein und durch alle Türen. Das hatte einen tollen Effekt: Das Buch war in kleine Stücke zerlegt, und wir konnten langsam anfangen, aus diesem Mosaik etwas Neues zu bauen. Wir sind tagelang schweigend und über diese Karteikarten gebeugt durchs Haus geschlichen und haben immer mehr Verbindungen zwischen Szenen gesehen, die wir beim Lesen nicht wahrgenommen hatten.

TV DIGITAL: Die viel stärkere Verflechtung der sechs Episoden war Ihre eine Idee, große Hollywood-Stars in bis zu sechs verschiedenen Rollen die andere?

Tom Tykwer: Ja. Wenn man genau hinguckt, sieht man, dass sich in verschiedenen Episoden ähnliche Konflikte zuspitzen. Die Figur aus dem 22. Jahrhundert macht dasselbe durch wie die von 1850. Das kann man doch verbinden, und die Szenen hintereinanderlegen – oder man kann sogar eine weglassen, weil die eine die andere bereits miterzählt. Wenn das auch noch vom selben Darsteller gespielt wird, hat man sogar unterbewusst das Gefühl, es habe sich etwas erledigt, was man im anderen Jahrhundert eigentlich hätte sehen müssen. Für uns war das letztlich die Lösung des Problems, wie das ganze Buch zu kondensieren ist.

TV DIGITAL: Gab es beim Dreh Augenblicke der Verwirrung mit den vielen Masken?

Tom Tykwer: Andauernd! Immer wieder liefen Schauspieler an mir vorbei, die ich nicht erkannt habe. Sie schauten mich an – und dann: "Oh, hallo." Ich dachte, es wäre eine Komparsin, dabei war es Halle Berry als weiße Jüdin geschminkt. Fast jeder hat eine Rolle, in der man ihn nicht erkennt. Ein Problem hätte sein können, dass sie sogar andere Geschlechter spielen. Aber speziell in unserer Gruppe mit Lana war die Reaktion nur "Na und?". Das ist eine klassische Theatersituation: Da gab es ein Ensemble von fünf, sechs Schauspielern – die sind zwischendurch hinter die Bühne gerannt, haben sich eine andere Perücke auf den Kopf gehauen und die nächste Rolle gespielt. Darin liegt doch das Spielerische des Schauspiels, das alle in diesen Beruf treibt: sich selbst auszuprobieren, zu jonglieren, sich zu verwandeln.

TV DIGITAL: Ist es nicht verrückt, mit den Wachowskis zu arbeiten?

Tom Tykwer: Wenn sie verrückt sind, dann bin ich es auch. Wir sind einmal essen gegangen, da haben wir die ganze Nacht durchgeredet, waren total "verknallt" ineinander, und sie haben mir am nächsten Morgen Blumen geschickt. Das war in der Postproduktion von "Matrix 2 + 3". Da waren die beiden total fertig und hatten fast nichts Menschliches mehr nach 280 Drehtagen. Unsere "Cloud Atlas"-Sets lagen Wand an Wand, wir konnten rüberlaufen und hielten Verbindung per Skype. Ohne Skype wäre der Film nie gemacht worden!

TV DIGITAL: Wie ist es gelungen, den Film zu finanzieren?

Tom Tykwer: Es war ein derartiger Kampf mit so vielen Niederlagen, wie wir es nie erwartet hätten. Einen unterhaltsamen Film zu machen, der auch intelligent ist – irgendwas daran ist immer verdächtig. Sobald du etwas mehr Geld ausgibst, gibt es eine Fixierung darauf, dass das Publikum jugendlich und auch ein bisschen debil sein muss. Und Remakes wie "Spider-Man" nach nur neun Jahren: Das ist ein Armutszeugnis, so wird das Kino untergehen! Studios sagen, sie suchen neue, originelle Stoffe. Aber alle haben abgelehnt, und zwar kategorisch. Okay, das erste Budget war bei 170 Millionen Dollar oder so. Irrsinn! Wir haben es weiter und weiter runtergepeitscht, bis es unter 100 Millionen war. Die Schauspieler haben zum Teil ein Zehntel dessen bekommen, was sie sonst verdienen.

TV DIGITAL: Der Roman wird in die Nähe von Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen gerückt. Sehen Sie das genauso?

Tom Tykwer: Ja. Aber das ist schwierig, denn bei Nietzsche gibt es eine Energie, die der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz eine sehr pathetische Form schenkt. Ich glaube, dass wir im Film die Spur dieser Sinnlosigkeit unseres Tuns zwar erkennen, aber dem eine starke Geste entgegensetzen: "Was ist ein Ozean, außer einer Vielzahl von Tropfen?" Wir sind zwar eine Vielzahl, deshalb ist es absurd zu glauben, man habe Einfluss auf Bewegungen des Ozeans. Gleichzeitig jedoch besteht der Ozean nur aus uns. Das ist ein Paradox, das Menschen pessimistisch oder optimistisch stimmen kann. Es ist die eigene Entscheidung, wohin mal will.

TV DIGITAL: Vielen Dank, Tom Tykwer, für das Interview.

Artikel vom 16. November 2012

Autor: Oliver Noelle

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