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Kesslers Kolumne
Michael Kessler nimmt die Sportindustrie aufs Korn.

Michael Kessler kommentiert Trends. Diesmal nimmt der Comedian die Sportindustrie aufs Korn. - Foto © Stephan Pick für TV DIGITAL

Im Fernsehen "Kesslers Expedition"

Michael Kessler über radelnde Aliens

Freuen Sie sich auch schon auf den Frühling? Dann heißt es Fernseher aus und Fahrrad raus, egal ob die Fahrt zur Arbeit geht oder ins Blaue. Der Drahtesel ist sowieso meist schneller als das Auto. Kreislauf und Pumpe kommen auf Touren. Die Lunge lüftet, Beinchen und Bäckchen bleiben knackig. Im Sommer radle ich mit T-Shirt und kurzer Hose, im Winter mit dicker Jacke und Mütze. Aber es ist was faul im Staate Deutschland.

Seit ein paar Jahren kreuzen beim ersten Sonnenschein seltsame Wesen meinen Weg. Marschierende Skilangläufer mit Stöcken, aber ohne Skier. Verbissen rasende Radler mit rasierten Beinen auf Hightech-Bikes. Eingeschweißt in Kampfuniform: Helm, Brille, Handschuhe, Shirt, Hose, Strümpfe und Schuhe. Alles hauteng, knallbunt oder rabenschwarz. Sie schwitzen nicht, saugen aber Power-Drinks aus Schläuchen. An den gesäßverstärkten, engen und zipfelbetonenden Hosen perlen Wind und Wetter ab.

Anfangs dachte ich, es handelt sich um die Invasion von Aliens. Mit ihren Alustöcken testen sie Mutter Erde, der Hightech-Anzug schützt sie vor unserer Natur. Und es stimmt! Die Nordic Walker und Mountainbiker sind von einem anderen Stern. Denn ein normaler Erdbewohner kann ohne Stöcke laufen und braucht keine Radunterhose mit Windblocker im Fahrtwindbereich. Mein Feuchtigkeitstransport und meine Geruchsbildung müssen weder gefördert noch unterdrückt werden. Ich kann ohne "Barrier-Gewebe", "Openair-Strukturmaterial" und elastische "Silikon-Beinabschlüsse" die Natur genießen.

Das innovative "Aluminium-Laminat" und "Softshell-Stretchgewebe" mit "Minerale-Polyester", selbst der praktische "Eingriff" im Vorderteil für den "Boxenstopp" können mir gestohlen bleiben. Ich fahre ohne Armlinge, Beinlinge und Helmunterzieher mit Flachnahtverarbeitung. Ich setze mich einfach aufs Rad und radle los. Werde ich nass, trockne ich irgendwann. Schwitze ich, wasche ich Jeans und T-Shirt.

Natürlich wirkt man mit Carbon-Fersenkappen und dreigeteilter Rückentasche wie ein Profi. Aber ist radeln nicht ein Hobby, nur ein Spaß? Die Industrie wird nicht müde, sich immer neue Märchenprodukte auszudenken, und die Aliens werden nicht müde, ihre Geldbeutel dafür zu öffnen. Sie wollen in Funktionswäsche perfekt funktionieren, sich Rad und Natur Untertan machen. Und der Funktionswäschehersteller freut sich, dass es perfekt funktioniert, sich den Radler Untertan zu machen. Und nicht nur den Radler ...

Artikel vom 13. Februar 2012

Autor: Michael Kessler

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