Genervt: TV-Comedian Michael Kessler kann die Flut von trivialen Hitler-Dokus einfach nicht mehr ertragen. - Foto © Stephan Pick für TV DIGITAL
Wer zu später Stunde schläfrig mit seiner Fernbedienung aus Versehen einen unserer Nachrichtensender einschaltet, ist blitzartig wieder wach. Entweder vom Bombenhagel auf Dresden oder vom saudummen Gebrüll Hitlers. Die News-Kanäle lassen abends nämlich gerne Weltkriegs- und Nazi-Dokus laufen. In der Dauerschleife. Die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ist groß. Vor allem in den Redaktionen der Sender. Eine braune Doku jagt die andere.
Adolf Hitler wütet zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Seit Jahren werden wir mit angeblich "neuem, nie gezeigtem" Material versorgt und mit Geheimnissen und Mysterien rund um die Faschisten-Familie konfrontiert. Die Aufarbeitung unserer Geschichte treibt dabei seltsame Blüten. Tragen Dokus mit Titeln wie: "Hitlers Frauen und Marlene" oder "Eva Braun – Geliebte des Führers" zur kritischen Aufarbeitung unserer Geschichte bei? Stellen Produktionen dieser Art die Frage nach der kollektiven Schuld oder wecken sie nicht vielmehr den falschen und gefährlichen Eindruck, dass an allem immer nur einer schuld war: der Führer.
Wenn den Redakteuren das Material ausgeht, begeben sie sich gern auf Spurensuche. Da hängt man mal die Kamera in die verfallene Wolfsschanze oder zeigt Mauerreste auf dem Obersalzberg. Schließlich sollen die ewig Gestrigen nicht vergessen, wo sie hinzupilgern haben. Als Erfinder der Nazi-Dokus gilt vermutlich Guido Knopp, den das ZDF 1984 für die Abteilung "Zeitgeschichte" rekrutierte. Aber warum beginnt bei Knopp Zeitgeschichte immer erst 1933 und endet 1945?
Seit den 80er-Jahren feuert Guido Knopp eine Hitler-Doku nach der anderen ab. Längst ahmen ihn viele nach – und die Nazi-Dokus werden zunehmend trivialer. Immer öfter vermisst man eine seriöse Recherche. Wenn uns der Horror-Hitler keine Angst macht, dann sorgen Beiträge wie "Die gefährlichsten Flughäfen der Welt" und "Wenn das Universum untergeht" für Albträume und Suizidgedanken.
Eigentlich sollte man die Nachrichtenkanäle umbenennen in "Angst-Kanal" oder "Horror-TV". Wie gut, dass ab und zu zwischen Nazis, Krieg und Weltuntergang noch die harmlose Schwertransporter-Doku über den Bildschirm rollen darf. Sie schläfert uns garantiert friedlich ein. Auf die Nazi-Dokus der Zukunft bin ich schon gespannt. Vermutlich sehen wir bald Dokus über "Hitlers Taschentücher", "Eva Brauns Waschlappen" und "Blondis Fressnäpfe". Da gehe ich lieber gleich ins Bett. Ohne Fernsehen.
Artikel vom 25. Januar 2012
Autor: Michael Kessler
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