Anzeige
Anzeige
Kesslers Kolumne
Michael-Kessler-Kolumne

Michael Kessler muss schon ganz genau hinhören. Foto © Stephan Pick/ TV Digital

Nuschel, nuschel - WIE BITTE?

Kessler muss schon ganz genau hinhören

Nix verstanden? Das liegt nicht an Ihren Ohren, sondern an den Schauspielern, erklärt MICHAEL KESSLER er glaubt, Schauspieler wäre kein Beruf, irrt. Derjenige, der das Handwerk für Bühne und Kamera wirklich erlernen will, kann das tun. Auf einer Schauspielschule. Dort lernt man im besten Fall, nicht nur zu spielen, zu singen, zu kämpfen und zu tanzen, sondern auch zu sprechen. Deutlich, kraftvoll und akzentfrei. Denn die Zuschauer, die im Theater-, Kino- und Wohnzimmersessel sitzen, wollen nicht nur Bahnhof verstehen.

WER SICH HEUTE EINEN Film aus den 1940er- Jahren anschaut, dem platzt fast das Trommelfell. Da wird noch pathetisch jedes Wort laut und deutlich überbetont und das R genüsslich mit der Zunge gerollt. Nicht nur unsere Sprache, auch die Art und Weise, eine Rolle zu spielen, hat sich längst verändert. Alles wurde eingedampft. In den 1960er-Jahren sprach man schon sparsamer, aber immer noch klar und deutlich. Auch die deutschen Synchronisationen aus dieser Zeit sind großartig, weil die Sprecher nicht künstlich hauchen, pusten und singen, wie sie das heute teilweise tun.

In den 1990ern begann in der Traumfabrik jenseits des großen Teichs ein neuer Trend: Bruce Willis fing an, besonders tief, rau und vor allem ganz außerordentlich leise zu sprechen. Diesen Trend haben einige deutsche Kollegen aufgegriffen und hauchen ihren Text nur noch männlichmarkant, während ihre Augen leicht zugekniffen sind. Das geht auch alles, weil die Mikrofone so empfindlich sind, dass sie die berühmte Stecknadel fallen hören können. Einige deutsche Schauspieler haben in den vergangenen Jahren aber noch eine andere Technik entwickelt: Sie nuscheln. Im deutschen Fernsehen gelten Til Schweiger und Christian Ulmen als Nuschel-Könige. Während Ulmen aber immer alles mit der nordisch-lahmen Zunge hamburgisch herunterschnoddert, liegt Schweigers Schwachpunkt eher auf den krächzenden Stimmbändern.

Doch längst nicht immer ist das müde Mundwerk oder die gestresste Stimmritze der Schauspieler schuld daran, dass Mutti beim Krimi schon akustisch nicht versteht, wer der Mörder ist. Auch die Tontechnik macht inzwischen immer öfter Fehler. Denn wenn ein Film fertiggestellt wird, legen Filmkomponisten ihre Musik und Sounddesigner ihre Geräusche über die Stimmen und Worte der Mimen. Bei dieser Zusammenstellung gilt aber: Die Mischung macht’s! Wenn Toningenieure die falschen Rädchen drehen oder selber ein Hörproblem haben, kommt in der heimischen Glotze nur Genuschel an. Wenn das passiert, dreht man entweder die Lautstärke hoch – oder man schaltet um zu den nuschel- und sounddesignfreien Filmen aus den 1960ern.

Artikel vom 15. Juni 2016

Autor: Michael Kessler

Specials-Themen 

Der Klick auf eine Kategorie führt Sie zur Übersicht aller passenden Einträge.

Anzeige
Gewinnen Sie 10.000€!