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Kesslers Kolumne
Michael-Kessler-Kolumne

Michael Kessler über "Trophäen", die sofort ins Netz gebeamt werden. Foto © Stephan Pick/ TV Digital

Posting-Posing

MICHAEL KESSLER über Handy-Alarm auf Konzerten!

Auf Konzerten leuchten immer mehr Smartphones. Mitfeiern geht anders, meint Michael Kessler.

Wie schön, wenn Künstler auf Tournee gehen und uns in vielen bundesdeutschen Ecken einen Besuch abstatten, um ihre Kunst live darzubieten. Oft entdecken wir die frohe Auftritts- Kunde auf poppigen Plakaten oder wir verfolgen unsere Stars per Google-Alert und kennen deren Tourneedaten auswendig. Mit wenigen Klicks wählen wir im Netz auf komplizierten Plänen unsere Wunschplätze aus, erstehen ein Ticket und freuen uns aufs Konzert, Comedy- oder Kultur-Event.

Für die Veranstaltung allerdings sollten wir dann ein Periskop mitnehmen, denn im Zeitalter der Permanent-Postings steigen, wenn es dunkel wird im Saal und die Künstler die Bühne betreten, Tausende von Handys in die Höhe und versperren den Blick auf das eigentliche Geschehen. Bis in die letzte Reihe wird mit Smartphones stundenlang jedes Wort, jeder Move und jeder Ton mitgeschnitten – bis der Speicher platzt. Das ist natürlich verboten. Aber wen interessieren heute noch Urheber- und Persönlichkeitsrechte? Die Hobbyfilmer ignorieren auch die Tatsache, dass ihr Smartphone kein High-Definition- Camcorder mit Teleobjektiv und Dolby-Surround-Sound ist. Aber die verwackelten Filmchen und Pics werden ja auch nicht gemacht, um sie sich später anzusehen. Erinnerung war gestern. Heute dreht und knipst man, um zu posten und der Welt zu verkünden, dass man „dabei“ ist. Mit dem Posting setzt man aber auch schon direkt den Haken ans Erlebte und giert nach der nächsten Message, die in der Community Aufmerksamkeit erregen soll. Bilder von Füßen, Katzen oder Mahlzeiten sind out.

DIE REIZSCHWELLE HAT SICH ERHÖHT. Treffen Fans auf Stars, geht es nur noch um eine Frage: „Darf ich ein Foto machen?“ Ist das Foto geschossen, erübrigt sich jede weitere Kommunikation, denn die „Trophäe“ muss sofort ins Netz gebeamt werden. Bei vielen Zuschauern hat man inzwischen das Gefühl, dass sie Events nur noch besuchen, um Postings abzusetzen. Vor lauter Selfies, Chats, What’s Apps und Posts wissen viele Smartphone-User gar nicht mehr, auf welchem Konzert sie gerade sind oder welcher Comedian da oben auf der Bühne steht. Das ist ziemlich schade. Auch im Alltag sehen und hören wir durchs virtuelle Dauerfeuer immer weniger hin. Wir merken gar nicht, wie stressig der Dauerchat ist. Sich mitzuteilen und immer wissen zu wollen, was andere mitteilen, ist längst eine Sucht. Also: beim nächsten Event das Handy einfach mal zu Hause lassen. Dann kann man auf der Hinfahrt an Madonna denken, auf dem Konzert Cro genießen und auf der Heimfahrt von Bülent Ceylan träumen.

Artikel vom 13. Mai 2016

Autor: Michael Kessler

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