Anzeige
Anzeige
TVDigital
TV Aktuell
Yuuko trägt als Erkennungszeichen die Tätowierungen.
Fotos

ARTE-Doku ''Yakuza'' - Auch Frauen können als Bodyguards die kriminellen Yakuza-Bosse bewachen: Yuuko trägt als Erkennungszeichen die Tätowierungen. / Fotos: ZDF / © 2012 Alexander Detig/Sound & Vision

ARTE-Doku ''Yakuza'' über Japans Gangsterbanden

Einblicke in die Schattenwelt

Wer den Begriff Yakuza hört, hat die entsprechenden Bilder direkt vor Augen: Schlägertypen mit Sonnenbrillen, dunklen Anzügen und kunstvollen, aber furchteinflößenden Tätowierungen. Geprägt wird unsere Vorstellung vom brutalen japanischen Mafioso nicht zuletzt durch Kinofilme wie ''Black Rain'' (1989) und ''Kill Bill'' (2003). Dabei verbirgt sich hinter dem Mythos mehr, als uns Hollywood Glauben machen möchte. Einer der wenigen, die es geschafft haben, hinter die Fassade des organisierten Verbrechens Japans zu schauen, ist Alexander Detig. Der deutsche Dokumentarfilmer hat für seinen Film ''Yakuza – Gangster und Wohltäter'' (26.2., 20.15 Uhr, ARTE) hochrangige Mitglieder der Yakuza begleitet.

Über 20 Banden teilen Japans Unterwelt unter sich auf und kontrollieren vor allem die Rotlichtviertel. Offiziell werden insgesamt 80.000 Mitglieder zur Yakuza gezählt, inoffiziell sind es bis zu 120.000, Tendenz steigend. "Wer in der westlichen Welt einen Mafioso treffen will, muss sich schon ziemlich anstrengen", verrät Detig im Gespräch mit TV DIGITAL. "In Japan weiß man dagegen schnell, wo man einen Yakuza treffen kann. Ob sie mit einem sprechen wollen, ist eine ganz andere Frage."

Mit Detig haben sie gesprochen. Über Jahre hinweg baute der Japanisch sprechende Journalist seine Kontakte vor Ort aus. Langsam erwarb er das Vetrauen selbst der von Natur aus misstrauischen Yakuza-Bosse wie Ken’Ichi Uetaka. Mit Maßanzug, Limousine und tadellosen Umgangsformen gefällt sich der traditionsbewusste Mittsechsziger in der Rolle des Ehrenmannes. Und vor gar nicht langer Zeit war Uetaka das sogar noch vor dem Gesetz: ein Ehrenmann. Erst ab Mitte der 1990er wurde es strafbar, sich sichtbar zur Yakuza zu bekennen.

"Die japanische Gesellschaft hat die Yakuza lange geduldet", sagt Filmemacher Detig. "Auch deshalb gibt es so viele von ihnen. Polizei und Yakuza haben Jahre lang Hand in Hand gearbeitet. Was die Polizei nicht machen wollte, hat die Yakuza übernommen und eine gewisse Ordnung garantiert."

Jetzt fühlen sich viele Yakuza schikaniert. So fängt Detig eine fast surreale Szene ein, als Streifenpolizisten routinemäßig die stadtbekannte Limousine Uetakas anhalten: ein Krimineller, der sich über Polizeikontrollen beschwert; ein Polizist, der schnell klein beigibt. Doch man ahnt, dass es beim nächsten Mal wieder genauso ablaufen wird. Ein Machtspiel – so ritualisiert wie ganz vieles in Japan.


Was bedeutet Yakuza?

''Ya-Ku-Za'' heißt 8-9-3, die Zahlenkombination gilt im japanischen Kartenspiel Oicho-Kabu als wertlos. Die Yakuza sehen sich als "Wertlose" der Gesellschaft.


Opfer oder Täter? Die Schizophrenie der Yakuza ist für westliche Beobachter nur schwer nachvollziehbar. Ihren Ursprung hat sie im Selbstverständnis der Yakuza, die sich auf Jahrhunderte alte Traditionen berufen. "Die Yakuza sagen: Auch als Bodensatz der Gesellschaft können wir etwas für das Land leisten", erklärt Alexander Detig. Die Clans betreiben auch legale Geschäfte und gehörten etwa nach dem Tsunami 2011 zu den ersten Helfern. Der lukrative Drogenhandel ist bei Yakuza verpönt. Japaner in die Sucht zu treiben würde der eigenen Gesellschaft schaden, so ihre Logik. Auch Gewalt gegen Nicht-Yakuza ist geächtet.

Was nicht heißt, dass Doku-Filmer Detig beim Dreh keine Angst hatte: "Wenn wir durch besonders üble Viertel gegangen sind, schlugen uns die Aggressionen anderer Clans entgegen. Unser Yakuza-Begleiter erklärte, welcher hohe Boss unsere Recherche schütze, und drohte großen Ärger an, wenn man uns nicht in Ruhe ließe. Immer schwer zu sagen, wie dieser Ärger im Einzelfall aussieht." Bei Clan-Streitigkeiten kommt es auch zu Morden. Die Eskalation scheint aber noch nicht so weit fortgeschritten wie anderswo auf der Welt. "Die Androhung von Gewalt", so Detig, "wiegt hier immer noch mehrals die tatsächliche Ausführung."

Davon ausgenommen: die Gewalt gegen sich selbst. Noch immer hacken sich Yakuza Fingerglieder ab, um ihre Ergebenheit zu beweisen oder als Opfer für schwere Verfehlungen. Doch auch die Yakuza geht mit der Zeit. Statt Blut fließt als Entschädigung heute immer öfter Geld.

Die sichtweise der anderen Seite – also Politiker, Opfer, Ermittler – fehlt in der spannenden Investigativ-Doku leider weitgehend, die Polizei etwa hatte Interviews verweigert. So liefert am ehesten Jiro Nakano eine Außenperspektive. Der Ex-Yakuza hat 18 Jahre im Gefängnis verbracht und sogar eine Vereinigung für Yakuza Aussteiger gegründet. Wer aber sieht, wie er das TV-Team mit fast kindlicher Begeisterung durch sein altes Milieu führt, merkt, dass ihn das Leben des gefürchteten Gangsters immer noch reizt. Es gibt eben auch Klischees aus Hollywood-Filmen, die stimmen: einmal Yakuza, immer Yakuza.


Sendehinweis: ''Yakuza – Gangster und Wohltäter''

Unterwegs mit Japans gefährlichsten Kriminellen
DI, 26.2., ARTE, 20.15 Uhr

Artikel vom 26. Februar 2013

Autor: Michael Tokarski

Magazin-Themen 

Der Klick auf eine Kategorie führt Sie zur Übersicht aller passenden Einträge.

Anzeige