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Iris Berben als Kronzeugin Eva Bernhardt
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Iris Berben als Kronzeugin Eva Bernhardt / Foto: © ZDF und Hannes Hubach

''Die Kronzeugin – Mord in den Bergen'' im ZDF

So läuft Zeugenschutz wirklich

Sie haben schwere Verbrechen begangen und gehen doch straffrei aus: Weil sie dazu beitragen, dass anderen Kriminellen der Prozess gemacht werden kann, schützt das BKA Kronzeugen vor Racheakten. Mit neuem Namen und erfundener Biografie beginnen sie an einem anderen Ort ein ganz neues Leben. Aber ist das gerecht, wenn Taten ungesühnt bleiben? Das fragt sich auch der Zeugenschützer Holger Nolting (Florian Panzner) im neuen ZDF-Fernsehfilm ''Die Kronzeugin'' (28.1., 20.15 Uhr).

Mit seiner Kollegin Ines Meder (Melika Foroutan) soll Holger Nolting die Ex-Bordellchefin Evelyn Frank (Iris Berben) "auswildern". Es ist die Belohnung dafür, dass Frank gegen ihre früheren Geschäftspartner ausgesagt hat. Erstaunlich schnell fügt sich Evelyn in ihre neue Rolle als Eva Bernhardt, und raffiniert baut sie ein vertrautes Verhältnis zu Ines Meder auf – und führt letztlich alle Beteiligten an der Nase herum …

Dem Schriftsteller Friedrich Ani kam die Idee zur Geschichte bei Recherchen zu seinen "Tabor Süden"-Krimis: "Ein sehr erfahrener Kriminaloberrat berichtete mir damals von den Abläufen rund um das Zeugenschutzprogramm." Natürlich ohne ins Detail zu gehen, denn der Erfolg des Programms steht und fällt mit absoluter Geheimhaltung. Entsprechend verschlossen reagieren auch offizielle Stellen auf Nachfragen.

Das Zeugenschutzgesetz wurde 1998 vom Deutschen Bundestag beschlossen. Die bislang einzigen veröffentlichten Zahlen des BKA stammen von 2006. Das Amt betreute damals 330 Fälle, von denen 64 im gleichen Jahr hinzugekommen waren. "Zwei von drei geschützten Zeugen waren Männer, in vier von fünf Fällen ging es um organisierte Kriminalität", weiß der Bonner Rechtsanwalt Christian Siegismund, der diese Fakten 2009 bei der Wiesbadener Behörde für seine Doktorarbeit recherchierte.

Danach hat sich das BKA nie wieder geäußert. Zu den Zeugenschutzprogrammen einzelner Bundesländer gibt es überhaupt keine Fallzahlen. "Nicht einmal aus den entsprechenden Polizeietats lässt sich etwas ableiten", sagt Siegismund. "Die Aufwendungen für das Zeugenschutzprogramm werden in anderen Posten versteckt."

Schon allein damit nicht bekannt wird, wie hoch sie im Einzelfall sind. "Der Gesetzgeber geht davon aus, dass der Kronzeuge sich materiell nicht verschlechtern soll. Aber was soll man jemandem bieten, der bisher 50.000 Euro im Monat durch Drogenhandel verdient hat?“, gibt Siegismund zu bedenken. "Eine lebenslange Staatsrente in dieser Höhe ist nicht nur moralisch fragwürdig. Aber mit dem Hartz-IV-Satz kann man sicherlich niemanden gewinnen."

Entsprechend entsetzt reagiert Kronzeugin Evelyn auf die Aufforderung, sich einen neuen Job zu suchen: "Soll ich das etwa selbst machen?" Wie weit die Fürsorge der staatlichen Stellen in der Realität geht und wie lange sie währt, darüber hat der Jurist Siegismund unterschiedlichste Geschichten gehört: "Klar ist nur: Gesichtsoperationen oder dass Zeugen bis ans Ende der Welt verfrachtet werden, wie man es aus amerikanischen Spielfilmen kennt, das gibt es in Deutschland nicht."

Das heißt jedoch nicht, dass Zeugenschutz hierzulande stets eine eher unspektakuläre Angelegenheit ist: "Es kommen die absurdesten Situationen vor. Etwa dass Beamte eine schöne neue Wohnung anmieten und dann den alten Namen anbringen." Einem anderen geschützten Zeugen, der sich für einen neuen Job bewerben wollte, wurde der Wunsch nach neuen Arbeitszeugnissen verwehrt: "Stattdessen sollte ein Polizeibeamter zum Vorstellungsgespräch mitkommen und alles erklären." Eine sonderbare Idee.

"Ich hatte mir vorgestellt, dass Zeugenschützer psychologisch speziell geschulte Beamte sind, schon allein, weil sie in der ersten Zeit 24 Stunden am Tag mit dem zu Schützenden zusammen sind. Doch das ist nicht selbstverständlich", erzählt Siegismund. Er wisse von mehreren Fällen, in denen die Beamten Zusagen gemacht hätten, zu denen sie gar nicht befugt waren: "Die rechtlichen Grundlagen lesen sich sehr schön. Aber es fehlt an konkreten Handreichungen, wie der Zeuge vom ersten bis zum letzten Tag zu betreuen ist."

Siegismunds Rat lautet daher: "Wer jemals in eine solche Situation kommt – das kann auch als unbeteiligter Augenzeuge einer Straftat sein –, sollte unbedingt mit anwaltlicher Hilfe die gegenseitigen Rechte und Pflichten vertraglich festhalten."

Auch die Beamtin Ines Meder im Fernsehfilm hat Schwierigkeiten, bei so viel Nähe die innere Distanz zu Evelyn zu wahren. Und das rächt sich am Ende bitter.


Sendehinweis: ''Die Kronzeugin – Mord in den Bergen''

Iris Berben als Ex-Bordellchefin im Zeugenschutzprogramm
MO, 28.1., ZDF, 20.15 Uhr


Schauspielerin Iris Berben im Interview

Schauspielerin Iris Berben im Interview / Foto: ©ZDFund Hannes Hubach

TV DIGITAL: Der Schluss des Psychothrillers verblüfft mit einer überraschenden Wendung. Womöglich ein Dreh zu viel?

Iris Berben: Der Zuschauer sollte gut aufpassen, was die Erzählstimme der jungen Beamtin zu Beginn des Films sagt!

TV DIGITAL: Was hat Sie an der Rolle der ehemaligen Bordellchefin, die eine neue Identität erhält, gereizt?

Iris Berben: Die Doppelbödigkeit. Ich spiele für meine mich begleitenden Beamten eine Rolle, aber auch für den Zuschauer. Diese Eva hat etwas vom Straßenköter, vermittelt andererseits Wärme und Verständnis. Viele Widersprüche, viele Facetten ...

TV DIGITAL: Gab es eine besondere Herausforderung? Etwa die Szene, in der Sie minutenlang in einer Gondel über dem Abgrund hängen?

Iris Berben: Nein, das Gondelfahren ist mir vertraut, weil ich Ski laufe. Allerdings: Wenn man da oben festsitzt, fällt einem schon ein, dass das beim Skifahren möglichst nicht passieren sollte. Ansonsten erinnere ich mich an eine schöne Begegnung mit einer alten Sennerin, die den größten Teil des Jahres ganz allein in einer Hütte lebt. So müsste man mal Urlaub machen.

TV DIGITAL: Ein einsamer Urlaub. Hielten Sie das denn aus?

Iris Berben: Wenn ich Bücher dabeihabe, schon.

TV DIGITAL: Während Eva in der Gondel festsitzt, wird sie von einer Panikattacke geschüttelt. Ist das echt?

Iris Berben: Auch das ist nur Spiel. Diese Eva ist schon ein raffiniertes Luder. Der begleitende Beamte bezeichnet Eva als "Luxus-Uschi", die alle Menschen, vor allem Männer, mit einem Augenaufschlag bezirzt.

TV DIGITAL: Mal ehrlich, Frau Berben, sehen Sie Parallelen zu sich selbst?

Iris Berben: Es schadet jetzt nicht, dass du eine Frau bist, aber sich auf solche Attribute zu verlassen, hat wenig mit mir zu tun. Vielleicht war ich mit 20 anders. Da fehlten mir die Argumente. Heute finde ich es spannender, wenn man Menschen mit Überzeugungskraft und Souveränität dahin bringt, wo man sie gern hätte.

Artikel vom 28. Januar 2013

Autor: Thomas Röbke / Interview: Angela Meyer-Barg

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