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Kai Gniffke, Chefredakteur: ''Wir müssen glaubwürdig und verlässlich sein.''
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Kai Gniffke, Chefredakteur: ''Wir müssen glaubwürdig und verlässlich sein.'' / Foto: © Gunnar Nicolaus

Plus: 360-Grad-Video vom Studio

So entsteht die Tagesschau: Blick hinter die Kulissen

Weihnachten vor 60 Jahren fing alles an: Die erste Tagesschau">"Tagesschau" ging auf Sendung. Seitdem versorgt sie die Zuschauer im Ersten mit den wichtigsten News des Tages – und markiert seit Generationen den Beginn des Fernsehabends um 20 Uhr. Immer noch schalten Tag für Tag insgesamt fast zehn Millionen Menschen zu. "Das sind so viele wie bei den Hauptnachrichten von ZDF">ZDF, RTL">RTL und Sat. 1 zusammen", sagt Chefredakteur Kai Gniffke. Und das, obwohl der Unterhaltungswert gegen null tendiert. Es geht hier um pure Informationen.

Die Nachrichtenzentrale in Hamburg heißt ARD-aktuell und produziert heute rund um die Uhr bis zu 20 Sendungen an Werktagen allein im Ersten. Dazu kommen Beiträge für "Tagesthemen" und "Nachtmagazin", den Spartenkanal Tagesschau 24 und für tagesschau.de. "Wir produzieren in unserer Nachrichtenfabrik täglich 13 Stunden Live-Programm", sagt Chefredakteur Kai Gniffke. Daran arbeiten insgesamt 140 Redakteure in einzelnen Teams.

Um 10.30 Uhr beginnt die erste Konferenz, bei der alle Abteilungen vertreten sind. Die Planungsredakteure sind dann aber schon seit einigen Stunden in der Redaktion, um die Themenliste zusammenzustellen. Die grobe Wochenplanung startet jeweils am Donnerstag und wird ständig aktualisiert. Meist stehen 50 bis 60 Themen auf der Tagesliste.

Die Runde beginnt immer mit den Einschaltquoten und einer Manöverkritik zu Sendungen des vorangegangenen Tages. Die Auswahl der Themen steht als Nächstes an. Gefragt sind an diesem Tag ein Hintergrundbericht zur US-Wahl, Streiks in Griechenland, das frisch veröffentlichte Herbstgutachten der Wirtschaftsweisen und eine Grundsatzrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel im EU-Parlament in Brüssel. Klingt zwar alles nicht rasend spannend, ist aber wichtig.


Hier klicken für das 360-Grad-Panorama-Video:

Die spezielle Aufnahmetechnik ermöglicht es, dass sich der Zuschauer den Film aus fast jeder Perspektive ansehen kann - und so endlich erfährt, wie das Studio aus Sicht eines Nachrichtensprechers wirkt.



© 3-D-Panoramakünstler Torsten Hemke

Ergänzend dazu ermöglicht dieses 360-Grad-Panorama-Bild einen virtuellen Rundgang durch das ''Tagesschau''-Studio des NDR">NDR. Um den Standort zu wechseln, einfach ins Bild klicken.

Hier klicken für das 360-Grad-Panorama-Foto:



© 3-D-Panoramakünstler Torsten Hemke


Für die Redakteure beginnt jetzt die Arbeit: Sie telefonieren mit den Korrespondenten vor Ort, formulieren Sprechertexte, schneiden Filme auf die benötigte Länge, bestellen Leitungen für die geplanten Live-Schaltungen und geben die Grafiken und Schaubilder in Auftrag. Die werden in einer eigenen Abteilung im Haus produziert. Die aktuelle Entwicklung des Weltgeschehens haben sie dabei ständig im Blick. Jeden Tag gehen mehr als 2500 neue Meldungen ein. Auf ihren Computern können die Redakteure auf alle Beiträge und Filme zugreifen.

Aber woher kommen die Nachrichten überhaupt? Es gibt drei klassische Quellen: Erstens Nachrichtenagenturen, zweitens das weltweit gespannte Korrespondentennetz der ARD. Da eigene Reporter aber nicht jeden Winkel dieser Erde abdecken können, nutzt die Redaktion drittens Filmbilder der Eurovision (EBU). Dieser Organisation mit Sitz in Genf sind 60 Rundfunkanstalten aus 50 Staaten angeschlossen.

In den vergangenen Jahren ist eine vierte wichtige Quelle hinzugekommen: das Internet. Um das riesige Angebot an Filmen, die dort auftauchen, zu sichten und auf ihre Echtheit zu überprüfen, wurde in Hamburg eigens eine spezielle Abteilung eingerichtet.

Auswahlkriterien für die Themen sind Aktualität und Relevanz: Wie viele Menschen beeinflusst das Ereignis? Wie einflussreich sind die Akteure, welche Folgen hat das Geschehen langfristig? Durch das Internet haben sich Tempo und Druck noch einmal erhöht, die Themen müssen schnell umgesetzt werden. Hektik kommt hier dennoch nicht auf.

Regieraum der Tagesschau

Regieraum der Tagesschau: Hier herrscht höchste Konzentration – der Ablauf ist stets auf die Sekunde genau geplant. / Foto: © Gunnar Nicolaus

"Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und den Überblick zu behalten", sagt ein Redakteur. Bei der 15-minütigen "Tagesschau"-Ausgabe um 12 Uhr wird das besonders deutlich: Die Chefin vom Dienst Ute Schüßler-Vera hat alle Beiträge gecheckt, jetzt geht’s in die Regie. Dort herrscht gespannte Ruhe, ein Dutzend Leute sitzt hoch konzentriert vor unzähligen Bildschirmen. Der Ablaufplan ist wie immer auf die Sekunde genau festgelegt – doch dann dauert das Live-Gespräch mit Korrespondentin Tina Hassel in Washington länger als geplant. Innerhalb von Sekunden muss Schüßler-Vera eine Entscheidung treffen. "Die 13 raus", ruft sie dem Regisseur zu.

Damit hat sie kurzerhand einen kompletten Filmbeitrag gekillt. Bei einer Meldung wird noch ein Satz gestrichen und mitten im Interview kommt lautstark die Anweisung des Regisseurs an den Moderator Claus-Erich Boetzkes: "Keine Frage mehr!" Am Ende passt alles, die "Tagesschau" geht reibungslos über den Sender. Direkt im Anschluss versammelt sich das Team zur "Flurschelte", nach jeder Sendung wird diskutiert: Was war gut, was hat nicht funktioniert?

Fast stündlich läuft eine Sendung. Aber das Hauptaugenmerk gilt der 20-Uhr-"Tagesschau''. Für sie wird ein besonders hoher Aufwand betrieben. Damit nichts schiefgeht, sind gleich zwei Chefs vom Dienst im Einsatz, dazu sechs Redakteure, zwei Grafiker und zwei Mediengestalter für technisch knifflige Filme.

Die US-Wahl als Schwerpunkt der Sendung erleichtert die Arbeit, so ist eine klare Gewichtung vorgegeben. Trotzdem steigt die Anspannung, je weiter die Zeiger gen 20 Uhr rücken. Eine Meldung ist noch nicht wasserdicht. Angeblich plant die NATO, Raketen an der türkisch-syrischen Grenze aufzustellen. Ein heikles Thema, aber woher stammt die Information? Die Redakteure schließen sich mit dem Büro in Brüssel kurz, die Kollegen vor Ort haben einen direkten Draht zur NATO. Die Wortwahl der Nachricht wird genau geprüft, es darf kein Fehler passieren.

Währenddessen kommt Sprecherin Susanne Daubner in die Redaktion. Sie liest ihre Texte laut und bespricht sie mit der Chefin vom Dienst. Gemeinsam glätten sie holprige Passagen und tilgen Wortwiederholungen. Auch Off-Sprecherin Stella Jürgensen arbeitet an ihrem Text. Sie liest Beiträge zu den Filmen vor, ist aber nie vor der Kamera zu sehen.

Es bleiben nur noch wenige Minuten. Daubner eilt ins Studio, Jürgens ins kleine Off-Sprecherstudio nebenan. Und schon gehen die Bilder des jubelnden Obama über den Sender. Auch USA-Korrespondentin Tina Hassel hat wieder ihren Auftritt, alles läuft wie geplant. Dann eine Überraschung: Der vermeintliche Langweiler aus dem EU-Parlament wird zum turbulenten Highlight. In Brüssel liefert sich Angela Merkel einen heftigen Schlagabtausch mit ihren Kritikern, die Emotionen kochen über.

Strahlende Gesichter bei der anschließenden Flurschelte. Über die heutige 20 677. Ausgabe der "Tagesschau" sind sich alle einig: durchweg gelungen! Sogar die auf internationalem Parkett sonst eher diplomatisch-spröde Kanzlerin vermochte mitzureißen.

Nebenan arbeiten die Kollegen der "Tagesthemen" schon fieberhaft an ihrer Sendung. Und für das "Tagesschau"-Team geht es morgen weiter mit Ausgabe 20 678 – dann beginnt alles wieder von vorn.


Sendehinweis: '' Es ist 20 Uhr''

Zuschauerwahl: Ihre Highlights aus 60 Jahren "Tagesschau"
DI, 18.12., Das Erste, 23.30 Uhr

Artikel vom 06. Dezember 2012

Autor: Thomas Kunze

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