Was uns beim 70. Eurovision Song Contest neben großen Stimmen erwartet.
Ziemlich verdutzt reagierte der österreichische Kommentator Andi Knoll im vergangenen Jahr, als sein Landsmann, Countertenor Johannes Pietsch alias JJ, mit „Wasted Love“ den Eurovision Song Contest (ESC) gewann: „Echt jetzt? Nach elf Jahren schon wieder? Geht das überhaupt, wenn man nicht Schweden ist?“ Es geht: Am 16. Mai steigt das ESC-Finale erneut im wunderschönen Wien. „Mit Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn bin ich leicht zu verführen, deshalb freue ich mich schon sehr auf die diesjährige Gastgeberstadt“, sagt Knolls deutscher Kollege Thorsten Schorn zu TV DIGITAL, der bereits zum dritten Mal für „uns“ kommentiert. Die Macher haben sich einiges überlegt, um das Flair der Donaumetropole auf den Bildschirm zu bringen: So basiert die diesjährige ESC-Begleitmusik auf Themen von Mozarts „Zauberflöte“, JJ wird zu Beginn des Finales eine eigene Version der „Königin der Nacht“ performen – und der legendäre Greenroom, in dem die Künstler auf Punkte hoffen, wird diesmal als Wiener Kaffeehaus gestaltet.
Dort wird auch Sarah Engels sitzen, die für Deutschland vor etwa 160 Millionen Fernsehzuschauern antreten wird. „Wir sind beide Kölner und hatten direkt einen guten Draht zueinander, als wir uns beim deutschen Finale in Berlin kennenlernten“, sagt Thorsten Schorn. „Schon da beeindruckte sie mich sehr mit ihrem Siegeswillen. Sie will es wissen und wird die bestmögliche Show abliefern.“ Ihr Dance-Pop-Song „Fire“ erinnert an frühere Beiträge, nicht zuletzt an „Fuego“ (dt.: Feuer) von Eleni Foureira für Zypern 2018.
Als diesjährigen Topfavoriten handeln die Buchmacher den finnischen Beitrag, der ebenfalls lodern lässt: Der Titel „Liekinheitin“ bedeutet übersetzt „Flammenwerfer“. „Allein diese beiden Songs machen die Hallenheizung überflüssig“, so Schorn. Davon, dass er die ehemalige „DSDS“-Finalistin Engels wegen einer schlechten Platzierung bei der anschließenden Aftershow-Party im Ersten trösten muss, geht der 50-Jährige allerdings nicht aus: „Da bin ich sehr optimistisch. In Köln sagen wir: ‚Et hätt noch immer jot jejange.‘“
Technisch wird wieder ganz groß aufgefahren: Rund 2000 Quadratmeter misst allein die Bühne. Geschätzte 210 Tonnen bringt die gesamte Konstruktion auf die Waage; ihr Hauptelement, eine riesige LED-Fläche, ähnelt einem geschwungenen Blatt Papier. Insgesamt wird eine Fläche von 515 Quadratmetern zum Leuchten gebracht, 2135 Beleuchtungskörper und mehr als 8500 individuell steuerbare LEDs kommen zum Einsatz.
Mittendrin die Moderatoren Victoria Swarovski, 32, die bei „Let’s Dance“ in der ESC-Woche pausiert, und Michael Ostrowski, der auch außerhalb seiner Heimat als Darsteller schräger Charaktere populär ist: In den „Eberhoferkrimis“ spielt der 53-Jährige den schrulligen Gerichtsmediziner Günter. Bereits bekannt ist, dass die beiden Conferenciers im Finale gegeneinander wetten wollen, wer es schafft, möglichst viele Titel früherer Siegersongs beiläufig in die Moderation einzubauen.
In der Voting-Phase präsentieren Eurovision-Allstars unterdessen legendäre Songs aus sieben Jahrzehnten ESC-Geschichte in neuen Versionen – schließlich feiert der Contest in diesem Jahr bereits 70-jähriges Jubiläum: Zu ihnen gehören Dragkünstlerin Verka Serduchka (zweiter Platz mit „Dancing Lasha Tumbai“, 2007), die Finnin Erika Vikman (elfter Platz für „Ich komme“, 2025), die Band Lordi (Gewinn mit „Hard Rock Hallelujah“, 2006) und die drei Tenöre von Il Volo (dritter Platz mit „Grande Amore“, 2015).
Das Erste hat aus diesem Anlass eine sehenswerte Doku produziert: „70 Jahre ESC: More than Music“ blickt mit vielen Anekdoten und persönlichen Erlebnissen von Erstplatzierten und vielen prominenten Fans auf die Geschichte des TV-Events zurück. So zollt Hape Kerkeling den diesjährigen Gastgebern Respekt – jenem Land, das 2015 mit Conchita Wurst beim ESC ein deutliches Zeichen setzte: „Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, wie mutig Conchitas Auftritt war. Schon ein Wunder, dass sie überhaupt für Österreich zur damaligen Zeit antreten durfte.“
Die Frage, wie politisch der Wettbewerb ist, begleitet den ESC auch in diesem Jahr. Wegen der Teilnahme Israels boykottieren Spanien, Island, Irland, Slowenien und die Niederlande die beliebte Veranstaltung. In der Doku geben ESC-Experten zu bedenken, dass nicht die Regierungen, sondern die Rundfunkanstalten der Länder Künstler ins Rennen schicken, die womöglich am Beginn ihrer Karriere stehen und so ins Brennglas der Weltpolitik geraten. Im Fall Israels gehöre der übertragende Sender Kan zu den wenigen regierungskritischen Stimmen. Dieser sei sehr tolerant und liberal, fügt Thorsten Schorns Vorgänger Peter Urban in der Doku hinzu. Schorn setzt darauf, dass sich alle auf das Motto „United by Music“ besinnen: „Ich wünsche mir, dass der ESC als das wahrgenommen wird, was er im Kern ist: ein friedlicher Musikwettbewerb, der Europa und die Welt zusammenbringt.“
Der „Eurovision Song Contest“ läuft heute, am 16. Mai 2026, um 21:00 Uhr im Ersten. Die Doku „70 Jahre ESC: More than Music“ läuft jederzeit in der ARD-Mediathek.