Ich spiele seit über 25 Jahren „Die Sims“. Und mir geht es wie vielen anderen Fans dieser Lebenssimulation. Der Frust über die teuren Packs wächst, Wünsche der Community werden kaum umgesetzt und es gibt keine echte Weiterentwicklung. Mit „Paralives“ ist nun ein Indie-Konkurrent im Early Access erschienen, der vieles anders machen will. Kann „Paralives” „Die Sims 4” vom Thron stoßen?
Es gibt Games, die probiert man kurz aus. Und es gibt Games, die einen so lange begleiten, dass sie fast Teil der eigenen Biografie werden. Bei mir ist „Die Sims” so ein Fall. Ich spiele die Lebenssimulation seit der ersten Stunde, durch alle Reihen, mit fast allen Erweiterungen, mit all den großen Momenten, kleinen Katastrophen, chaotischen Familiengeschichten und Sims-Situationen.
So sehr ich das Game auch liebe, so sehr nervt mich inzwischen EAs Preispolitik. Zwar ist das Grundspiel kostenlos, doch das eigentliche Spielerlebnis steckt in Erweiterungspacks, Gameplay-Packs, Accessoires-Packs und Kits. Wer fast alle Erweiterungen besitzt, hat mehrere Hundert Euro in dieses Hobby gesteckt. Und nicht alle Inhalte rechtfertigen den Preis. Rechnet man alle Inhalte zum Vollpreis zusammen, landet man im Jahr 2026 im vierstelligen Bereich. Ein teures Vergnügen! Außerdem bleiben Wünsche aus der Community oft unerfüllt. Statt einer echten Weiterentwicklung wirkt vieles wie ein weiterer Anbau an ein Haus, dessen Fundament knarzt. Die Community wünschte sich lange eine Alternative zum Lebenssimulation-Giganten.
Kurz sah es so aus, als käme Konkurrenz: "Life by You" versprach viel, wurde aber eingestellt, und "inZOI" beeindruckte mit Hochglanzoptik, wirkt auf mich aber seltsam seelenlos. Und dann kam "Paralives" – ein Indie-Projekt aus Montréal, das von Alex Massé gestartet und von einem kleinen Team mit rund 15 Leuten entwickelt wurde. Über Jahre wurde es vor allem durch die Community auf Patreon finanziert. Als dieses Team am 25. Mai den Knopf zum Early-Access-Release drückte, saß ich vor meinem Rechner, zählte die Sekunden und klickte sofort auf „Kaufen“.
Paralives kostet zum Early-Access-Start etwa 40 Euro. Der Preis soll im Laufe der Entwicklung steigen. Kostenpflichtige DLCs sind laut aktuellem Versprechen aber nicht geplant. Stattdessen sind neue Inhalte als kostenlose Updates geplant. Für Sims-Fans klingt das wie Weihnachten!
Dieses Versprechen allein macht aus Paralives natürlich noch kein besseres Spiel. Fairness ersetzt keine Spieltiefe und ein sympathisches Studio keine ausgefeilten Systeme. Aber es verändert die Grundstimmung. Paralives wirkt wie ein Projekt, das mit und für die Community wachsen möchte, ohne ständig die Hand aufzuhalten. Aber wie ist nun der erste Eindruck?
Die Figuren, Häuser und Umgebungen erinnern an ein Skizzenbuch, das zum Leben erwacht ist. Während inZOI mit realistischer Optik und Hochglanz-Ambition beeindruckt, wirkt Paralives intimer. Die Welt schreit nicht: „Schau, wie modern ich bin!“ Sie lädt vielmehr dazu ein, im Kleinen kreativ zu sein und sich eine Welt zu "malen". Wände lassen sich im Baumodus frei ziehen, Räume können ungewöhnliche Formen haben und Möbel können in Größe und Aussehen angepasst werden. Anstatt also nur zu überlegen, welches Sofa aus welchem Pack am besten passt, kann man hier stärker an Details schrauben: ein Tisch etwas schmaler, ein Fenster größer, ein Regal besser auf den Raum abgestimmt. Dadurch entstehen Häuser, die wirklich selbst gebaut wirken.
Auch die Erstellung der Figuren geht einen eigenen Weg. Besonders auffällig ist, dass sich die Körpergröße der Paras anpassen lässt. Das mag nach einem Detail klingen, hat aber große Auswirkungen: Figuren wirken dadurch nicht mehr so, als kämen sie alle aus derselben Schablone. Ein Para kann kleiner, größer, zierlicher oder kräftiger erscheinen, ohne dass nur Gesicht, Frisur oder Kleidung verändert werden. Paralives verleiht den Figuren somit bereits im Editor mehr Individualität.
Hinzu kommt die offene Welt. Die gab es bei „Die Sims 3” und wird bei „Die Sims 4” von vielen Fans schmerzlich vermisst. Statt frei durch eine zusammenhängende Nachbarschaft zu laufen, hangelt man sich dort von Grundstück zu Grundstück, oft mit Ladebildschirm dazwischen. Paralives geht einen anderen Weg: Die Stadt Melino ist als offene Welt angelegt, durch die sich die Paras ohne Unterbrechungen bewegen können. Sie fahren nicht nur gedanklich in den Park, an den Strand oder in ein anderes Viertel, sondern sehen diese Orte als Teil derselben Welt. Dadurch wirkt Melino weniger wie eine Sammlung einzelner Kulissen und mehr wie ein Ort, an dem Alltag tatsächlich stattfinden kann. Wie süß ist es bitte, dass man mit seiner Figur Bus fahren kann, um einzelne Punkte auf der Karte zu erreichen?
So schön Paralives auch ist, im Live-Modus wird der Abstand zum Platzhirsch deutlich. In „Die Sims 4” passiert ständig irgendetwas. Manchmal etwas Sinnvolles, oft etwas komplett Beklopptes, aber fast immer etwas, das sich lohnt, erzählt zu werden. Ein Kind entwickelt eine Phase. Ein Sim verliebt sich zur falschen Zeit. Ein Haustier bringt Chaos ins Haus. Ein Feiertag sprengt den Tagesplan. Genau aus diesen Reibungen entstehen Geschichten.
Paralives ist im Alltag noch langweilig. Der eigene Para erledigt Dinge, Bedürfnisse sinken und steigen, Gespräche laufen und Aufgaben erscheinen. Das funktioniert als Grundgerüst, doch der berühmte „Nur noch ein Tag“-Sog ist noch nicht da. Das ist natürlich dem Early Access geschuldet. Paralives braucht jetzt Inhalte, Systeme und Konsequenz. Die Roadmap verspricht unter anderem Wetter, Jahreszeiten, Haustiere, Pools, Gartenarbeit und weitere große Updates. Genau diese Elemente könnten die hübsche Grundlage mit mehr Alltag, Rhythmus und Überraschung füllen. Es wäre natürlich unfair, von Paralives im Early Access schon jetzt die Fülle eines Spiels zu erwarten, das seit 2014 erweitert, repariert, umgebaut und monetarisiert wird. Aber schauen wir trotzdem mal auf Verbesserungsmöglichkeiten.
Das Gesprächssystem von Paralives gehört zu den Ideen, die auf dem Papier besser klingen, als sie sich aktuell spielen lassen. Unterhaltungen laufen weniger direkt ab als in „Die Sims 4“: Man wartet auf zwei oder drei mögliche Antworten und entscheidet dann, wie der Para reagiert. Meist sind die Antwortmöglichkeiten jedoch nicht so, wie man sie sich wünscht. Wenn ich flirten möchte, dann möchte ich flirten. Wenn ich streiten will, möchte ich den sozialen Feuerlöscher bewusst in den Schrank sperren. Wenn ich eine Freundschaft vertiefen möchte, brauche ich Werkzeuge und keine Warteschleife. Außerdem stehen die Paras weit voneinander entfernt und zeigen nur wenig Gefühle. „Die Sims 4” hingegen lässt mich Beziehungen mit direkter, manchmal herrlich plumper Klick-Logik eskalieren. Paralives verliert bei Gesprächen massiv an Tempo.
Bei Paralives gibt es drei Regisseure. Damit der Alltag nicht ins Leere läuft, geben sie täglich Impulse und Aufgaben. Das ist grundsätzlich sinnvoll, denn Lebenssimulationen haben ein altbekanntes Problem: Ohne eigene Ziele starrt man manchmal auf seine Figuren wie auf sehr pflegebedürftige Bildschirmschoner. Die Regisseure sollen das verhindern. Sie schubsen den Tag an, liefern kleine Ziele und setzen Prioritäten. Für Spielerinnen und Spieler, die gerne Aufgaben abhaken, kann das funktionieren. Mich reißen sie jedoch zu oft aus meiner eigenen Geschichte. Eine Lebenssimulation braucht Platz für Umwege, Faulheit und Unfug. Nicht jeder Tag muss produktiv sein. Nicht jede Spielfigur braucht einen Auftrag. Manchmal möchte ich einfach eine Wohnung umräumen, eine Beziehung langsam vergiften oder zusehen, wie jemand in Unterhose frühstückt und sein Leben ignoriert.
Bei den Berufen bleibt Paralives leider dem alten Muster treu. Der Para geht zur Arbeit, verschwindet aus dem sichtbaren Spiel und taucht später wieder auf. Geld ist da, Zeit ist weg. Dieses Prinzip ist aus dem Genre bekannt. Es ist funktional, aber selten spannend. Gerade bei Paralives fällt es auf, da das Spiel an anderer Stelle versucht, alte Gewohnheiten aufzubrechen. Jobs wären die perfekte Bühne für kleine Ereignisse. Beispielsweise könnten Konflikte mit Kollegen, Streit mit der Chefin, Abmahnungen, spontane Entscheidungen, Beförderung, miese Arbeitstage, neue Kontakte oder moralisch fragwürdige Karriere-Abkürzungen Abwechslung bringen. Aktuell bleibt die Arbeit jedoch vor allem ein Einkommensknopf. Man drückt ihn, wartet und kassiert. Für Rechnungen reicht das. Für Geschichten ist es zu wenig.
Aktuell ist „Die Sims 4” das eindeutig bessere Spiel. Es bietet mehr Alltag, mehr Chaos, mehr Systeme, mehr Objekte, mehr Lebenswege und eine große Community. Wer jetzt sofort eine umfassende Lebenssimulation sucht, ist mit dem alten Platzhirsch weiterhin gut beraten. Dieser Sieg wirkt jedoch wie der eines alt gewordenen Champions. „Die Sims 4” trägt zehn Jahre Erweiterungen auf dem Rücken und ein Geschäftsmodell, das viele Fans erschöpft hat.
Paralives ist der unfertige Gegenentwurf. Der Baumodus überzeugt, der Stil hat Seele und die offene Welt besitzt enormes Potenzial, während das kostenlose Update-Versprechen eine offene Wunde der Sims-Community heilt. Im Alltag fehlen jedoch noch Tempo, Tiefe und Überraschung.
Wer heute die bessere Lebenssimulation spielen möchte, entscheidet sich für „Die Sims 4“. Wer jedoch sehen möchte, wohin sich das Genre abseits von EA entwickeln könnte, sollte Paralives unbedingt im Auge behalten, die Macher unterstützen und aktiv mitgestalten!