Mafia mal anders: “The Irishman“

Ganz großes Kino funktioniert auch auf Netflix. Das beweist die Scorsese-Produktion “The Irishman“ seit dem 14. November 2019. Spätestens jetzt ist klar, dass der beliebte Streaming-Anbieter mehr kann als Netflix & Chill: Halbseidene historische Charaktere und mafiöse Machenschaften treffen in dem filmischen Meisterwerk aufeinander. 

Die Kunst des unaufgeregten Erzählens

Mit einem IMDb-Rating von 8,2 kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, außer vielleicht die Altersfreigabe: Mit FSK 16 platziert sich “The Irishman“ eher im Erwachsenenbereich auf Netflix. Eine überraschende Entscheidung, kommt der Film doch weitestgehend ohne Blutbäder aus. Dennoch bleibt aufgrund des Mafia-Kontexts der ein oder andere Kopfschuss nicht aus. Die wohldosierte Gewalt gliedert sich ein in das eher gemächliche Erzähltempo der Lebensgeschichte des Iren Frank Sheeran, wunderbar gespielt vom Altmeister Robert De Niro. 

Von der Autopanne zum Mafioso 

Eine schicksalhafte Begegnung führt den unauffälligen Kraftwagenfahrer Frank Sheeran und Mafiaboss Russell Bufalino (Joe Pesci) in den 1950ern zusammen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – könnte man meinen, wären da nicht allerlei krumme Geschäfte, in die Bufalino berufsbedingt verstrickt ist. Der schweigsame Kriegsveteran Frank wird schnell Bufalinos Mann fürs Grobe. Das ungleiche Gespann manövriert sich in den kommenden Jahrzehnten durch allerlei gefährliche und skurrile Situationen, die ihre Freundschaft immer wieder auf die Probe stellen. Vor allem, wenn es um den schwelenden Konflikt zwischen der Mafia und Franks aufbrausendem Freund geht, dem Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino).

Verbrechen war selten so sympathisch

Der Zuschauer findet sich dabei in der kuriosen Lage wieder, mit den zwei alternden Kriminellen zu sympathisieren: Sei es mit dem mordenden Frank, dessen gestörtes Verhältnis zu seiner Tochter ihn dann plötzlich doch sehr verletzlich erscheinen lässt, oder mit Mafiaoberhaupt Russell, der sich seufzend dem Willen seiner Gattin beugt, im Auto rauchen zu dürfen. 

Ziemlich beste Freunde hinter schwedischen Gardinen

Doch nicht immer kommen die zwei davon: Nicht im Altersheim verbringen sie ihren Lebensabend, sondern werden im Gefängnis gemeinsam grau und tattrig. Aber auch hier stehen die beiden zusammen und zeigen, dass es am Ende um mehr ging als Geld und Macht – “The Irishman“ erzählt auch eine Geschichte von Freundschaft, Respekt und Loyalität.
 

Veröffentlich am 17.12.2019
Aktualisiert am 12.11.2020