Hallo Mrs. Maisel • 6 überraschende Erkenntnisse beim Star-Interview

Die zweite Staffel von "The Marvelous Mrs. Maisel" ist da – und sie ist schlichtweg genial. Umso gespannter waren wir aufs Gespräch mit Hauptdarstellern und Machern. Faszinierend, was sie uns beim Premieren-Plausch in Mailand verrieten.

Wie oft will man sich Sätze aus einer Serie ausdrucken und an die Wand hängen, weil sie so witzig und brilliant sind? Definitiv zu selten.

Beim Amazon-Original "The Marvelous Mrs. Maisel" (hier alle Infos, Trailer, News und Streaminglinks) passiert's ständig. Und das liegt definitiv am Mastermind hinter der Komödie um eine Hausfrau, die sich im New York der 50er Jahre als Stand-up-Comedian versucht, als ihr Ehemann sie betrügt: Amy Sherman-Palladino. Die kennt man als Schöpferin der "Gilmore Girls". Einer Erfolgsserie, die ebenfalls für halsbrecherisches Dialogtempo, herzerwärmende Handlung und genialen Sprachwitz gefeiert wurde.

1. Warum es als Serienmacher genial ist, für Streaming-Anbieter zu arbeiten

Schon die erste "Mrs. Maisel"-Staffel wurde mit Publikumsliebe, Kritikerlob und renommierten Preisen überhäuft. Das Glück darüber ist Sherman-Palladino und ihrem kongenialen (Ehe-)partner Dan Palladino bei der Premiere von Staffel 2 immer noch anzumerken. Geradezu befreit wirken beide, was auch am Auftraggeber-Wechsel von TV-Sendern zu Amazon Prime Video liegt.

Es sei oft unglaublich zäh und einschränkend, für Sender zu arbeiten, so Sherman Palladino in Mailand. Das Budget ist beschränkt, Werbepartner sollen berücksichtigt werden und um kreative Freiheit oder um Heldinnen, die keinem Klischee entsprechen, muss man mit Zähnen und Klauen kämpfen.

Beim neuen Partner Amazon, bei dem Amy und ihr Mann einen Exklusiv-Vertrag unterschrieben haben, sei das anders. Da darf die unkonventionelle Mrs. Maisel erfunden werden. Und wenn man für die ersten beiden Episoden von Staffel 2 mal eben mit Cast und Crew nach Paris reisen will für aufwändigste (und natürlich ausgesprochen teure) Drehs in charmanten Straßen? Dann heißt es "Okay" – und auf geht's in Frankreichs Hauptstadt, die besonders in Folge 1 als Schauplatz entzückt.

Das sind Unterschiede, die man als Normal-Seriengucker nicht unbedingt kennt. Für einen Serienmacher sind sie entscheidend.

2. Warum FÜR diese Serie ganz besondere Statisten angeheuert wurden

Wer sich übrigens wundert, wie elegant und geradezu "musicalmäßig" die vielen großen Szenen mit diversen Statisten inszeniert sind: Das liegt auch an einer ziemlich ungewöhnlichen Casting-Maßnahme von Mrs. Sherman-Palladino, die uns Alex Borstein, Darstellerin der Managerin von Mrs. Maisel, verriet:

"Amy startete ihre Karriere beim Ballett. Und für viele Szenen in Mrs. Maisel engagiert sie nun auch Tänzer". Mit diesem Wissen sieht man die elegant choreographierten Aufnahmen mit anderen Augen. So graziös wie hier schweben die "Extras", wie sie im Fachsprech heißen, tatsächlich in keiner anderen Serie durchs Bild.

3. Warum die Serie nicht nur lustig ist, sondern auch erstaunlich lehrreich

Noch etwas ist anders: Hier wird die Geschichte einer jüdischen Frau und ihrer Familie erzählt. Und deren Serien-Alltag zeigt wunderbar selbstverständlich vieles, was Nicht-Juden nicht kennen. Da wird der amüsante Ehestreit zwischen Midge Maisels Eltern beim Gebet in der Synagoge ausgetragen, die Neue von Midges betrügerischem Ex-Mann Joel von seiner Mutter in schönstem Jiddisch als "Schickse" abqualifiziert und noch viel mehr.

Dass bei "Mrs. Maisel" jüdisches Leben im Zentrum steht, ist nicht nur wichtig in Zeiten, in denen eine aktuelle CNN-Studie erschreckende Zahlen über immer salonfähiger werdenden Antisemitismus in Deutschland und ganz Europa enthüllt. Es freut besonders die jüdischen Stars der Serie wie Borstein: "Sonst ist es zum Beispiel einfach immer üblich, dass bei TV-Szenen um Weihnachten ein geschmückter Christbaum im Hintergrund steht – und das ist natürlich auch völlig ok. Trotzdem fühlt es sich gut an, hier mal in einem vertrauten Rahmen zu spielen." 

Letzteres bestätigt Joel-Darsteller Michael Zegen: "Meine Großeltern sind Holocaust-Überlebende. Dass es hier um eine jüdische Familie geht, war ein sehr persönlicher Grund, weshalb mich die Serie gleich so ansprach". Darüber hinaus freut er sich über die authentische Darstellung von jüdischem Humor, der auch schlimmste Geschichte wie das Dritte Reich zum Gegenstand eines Witzes macht.

4. Warum Gleichberechtigung nicht nur was für Frauen ist

Zegen macht sich mit einer anderen Aussage noch sympathischer. Auf die Frage, wie's denn für Männer ist, in einer Serie mit feministischer Botschaft dabeizusein, antwortet er schlicht: "Ich bezeichne mich selbst als Feminist." Und: "ich habe bislang vor allem männerdominierten Serien mitgespielt. In "Rescue Me" ging es um Feuerwehrmänner, in "Boardwalk Empire" um 20er-Jahre-Gangster – da gab's nur wenig weibliche Charaktere. Deshalb finde ich es wunderbar, in "Mrs. Maisel" mitzuwirken." Recht hat er. Schließlich profitieren Darsteller, Zuschauer und Unterhaltungsqualität davon, wenn Frauen nicht nur immergleiche Klischee-Performances als verständnisvolle Freundin/nervige Schwiegermutter/gütige Oma/sexy Geliebte abliefern dürfen.

Marin Hinkle, die Serienfans als als Charlies Ex-Schwägerin Judith aus "Two and a half Men" kennen und die im Amazon-Original Midge Maisels Mutter verkörpert, findet den gezeigten Kampf um Gleichberechtigung trotz 50er-Jahre-Setting sehr aktuell: "Die Serie ist retro und modern zugleich". Sie begrüßt es ebenfalls, dass sie bei "Mrs. Maisel" nicht wie so oft in ihrer Karriere einem bestimmten Frauentyp entsprechen muss – ohne Raum für Weiterentwicklung. "Das passiert hier nicht. In jeder neuen Folge bietet sich den Charakteren die Möglichkeit, in eine neue Richtung zu gehen". 

Die Freude über eine so inspirierende Geschichte über weibliche Selbstverwirklichung spüren die Stars von Zuschauern und Pressevertretern aus vielen Ländern dieser Erde. Sogar, wie Zegen anmerkt, aus Indien. Einem Land, in dem es in Sachen Gleichberechtigung in mancher Hinsicht nicht zum Besten steht.

5. Warum eine Comedy auch mal traurig machen kann

Es gibt aber auch andere Reaktionen. Hinkle erzählt von einer Journalistin, die Serie ihrer Großmutter zeigte. Die war nach dem gemeinsamen Gucken nicht wie erwartet glücklich, sondern ganz traurig. Auf die Frage nach dem Grund sagte sie: "Weil ich an all das denke, was ich selbst nicht tun konnte". In den 50er Jahren als Frau einen eigenen Weg zu gehen und damit Erfolg zu haben, war eben längst nicht allen möglich.

Dass ambitionierten Frauen heute noch Steine in den Weg gelegt werden (nicht selten von Männern, die ihre Macht nicht verlieren wollen), ist Mrs-Maisel-Darstellerin Rachel Brosnahan nur zu bewusst. Umso dankbarer ist sie, dass ihr das in ihrer Karriere kaum erfahren hat und sowohl von Frauen, als auch von Männern wie Dan Palladino, gefördert und bestärkt wurde.

6. Wie Mrs. Maisel inspiriert und warum das so unglaublich viel Spaß macht

Trotzdem war's nicht immer einfach, Midge Maisel zu spielen. In der ersten Season, so Brosnahan, sei sie noch völlig verängstigt gewesen, wenn sie beim Dreh der Stand-up-Comedy-Szenen die Bühne betreten musste. Bei der Produktion der neuen Staffel habe sie sich schon viel stärker gefühlt. In Sachen Selbstbewusstsein und Selbstliebe, sagt sie, lasse sich eine Menge von ihrer Rolle lernen.

Das mit der Inspiration klappt übrigens auch beim bloßen Ansehen der Serie. Nicht nur bei Frauen: Auch die männlichen Rollen sind kitschfrei angelegt mit vielen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung in Sachen Liebe, Freundschaft und der Verwirklichung von Lebensträumen.

Das Beste: Alles wird auf unterhaltsamste Art serviert mit scharfsinnigen Dialogen, schönsten Fifties-Kostümen, maßgeschneidertem Retro-Soundtrack, wunderbar kauzigen Charakteren, einer Riege fantastischer Darsteller und einer in einer ebenso lustigen wie fesselnden Handlung. Angucken!

Zur Einstimmung hier der Trailer zu Staffel 2 (bislang nur in der englischen Originalversion verfügbar, die deutsch synchronisierte Variante von Staffel 2 wird im Januar 2019 bei Amazon Prime Video veröffentlicht):

Veröffentlich am 05.12.2018
Aktualisiert am 06.12.2018