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Technik Trends
Darknet

Nur mit dem Tor-Browser kann man die kryptischen Adressen aufrufen, die auf "onion" enden. Foto: © picture alliance / Maximilian Schönherr

Das Darknet: Die dunkle Seite des Internets

Drogen, Waffen, Falschgeld

Eigentlich sieht alles so aus wie bei Amazon oder Zalando: Hübsche Fotos, Infos zum Produkt und ein Button zum Kaufen. Nur die Ware ist eine andere. Denn auf Abraxas werden keine Bücher oder Schuhe angeboten, sondern Drogen, Falschgeld, gestohlene Pässe und Kreditkarten. Ein Marktplatz für alles, was verboten ist, Lieferung frei Haus.

Es ist nicht das einzige Shopping-Portal im Darknet, dem dunklen Untergrund des Internets, den man bei Google vergeblich sucht. Nur mit einem speziellen Browser kann man die kryptischen Adressen aufrufen, die auf "onion" enden, dem englischen Wort für Zwiebel. Denn die Identität jedes Nutzers wird unter vielen Schichten verborgen. Wer von wo seine Daten sendet, wird komplett verschleiert, das gilt für Käufer und Verkäufer im Darknet gleichermaßen - selbst der berüchtigte US-Geheimdienst NSA beißt sich an dieser komplexen Art der Verschlüsselung bislang die Zähne aus.

Tor Browser
Mit dem Tor-Browser anonym im Internet surfen. Foto: © picture alliance / dpa Themendienst

Der illegale Handel floriert

Dabei gibt es keinen Zweifel, dass in diesem Teil des weltweiten Datennetzes, das laut Expertenschätzungen dreimal so groß ist wie das sichtbare Internet, der illegale Handel floriert wie sonst nirgends - und zwar mit wirklich allem, was man sich vorstellen kann.

Dutzende Shops bieten Heroin, Kokain oder Cannabis an, in anderen kann man Waffen bestellen, Hackerdienste, Pornos jeder Art, Youtube-Likes, Twitter-Follower und sogar Auftragsmorde. Die Läden heißen "Euroguns" oder "London Underground", die Verkäufer haben Nicknames wie "Doktor_XTC" oder "Gotmilk". Je nach Produkt oder Dienstleistung gibt es Mengenrabatt, Expressversand und Geld-zurück-Garantie. Und eine engagierte Community.

"Ich habe ein paar Händler ausprobiert", schreibt etwa samsmith18 in einem Onlineforum, "und ich bin nicht sicher, wie rein ihr Produkt war, aber die Lieferung kam immer schnell." Den besten Ruf für "dauerhaft gute Ware" hat Meerkovo, meint der User johnny7890. Es geht nicht um Olivenöl oder Chianti in dieser Diskussion, es geht um Kokain. Auch Drogenkauf ist eben Vertrauenssache.

Und dann gibt es ja auch noch die ECTF, eine Art Stiftung Warentest für Koks. Meerkovos "Pure Colombian Flake" kommt beim jüngsten Ranking auf stolze 84 Prozent Reinheit: richtig gute Qualität.

Bezahlt wird mit Bitcoins

Dass der Handel im Darknet blüht, liegt auch an der speziellen Art der Bezahlung. Statt Euro oder Dollar überweist der Käufer Bitcoins, eine digitale Währung. Die wird nicht über eine Bank, sondern über ein dezentrales, verschlüsseltes Netzwerk übertragen - so haben Behörden kaum eine Chance, den Weg des Geldes nachzuverfolgen.

Später kann man die virtuellen Münzen problemlos in eine "richtige" Währung umtauschen, der Kurs schwankt allerdings stark. Ein Bitcoin ist derzeit etwa 216 Euro wert. In einigen Städten, etwa Berlin oder Vancouver, gibt es inzwischen sogar Geldautomaten, an denen man Bitcoins eintauschen kann.

Zwischen 300.000 und 500.000 Dollar, so errechneten Forscher der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, werden im Darknet mit Drogen umgesetzt - pro Tag.

Daran ändern selbst die gelegentlichen Erfolge der Polizei nichts. Als FBI-Ermittler 2013 die Plattform "Silk Road" schlossen, dauerte es nicht lange, bis andere Händler die Lücke füllten. Auch "Evolution", eine der Nachfolgeadressen, ist seit März diesen Jahres nicht mehr erreichbar - die Inhaber sollen sich mit zwölf Millionen Dollar ihrer Kunden abgesetzt haben.

Doch solche Rückschläge kann der Handel verkraften, meint Nicolas Christin, einer der Autoren der Studie aus Pittsburgh: "Das Geschäft hat sich ganz schnell wieder erholt." Um "Silk Road" auffliegen zu lassen, hatten die Beamten nicht die Verschlüsselung des Datenstroms geknackt, sondern sich - getarnt als Drogenverkäufer - undercover bei der Plattform eingeschlichen. So gesehen war diese Razzia ein weiterer Beweis für die Sicherheit des Netzwerks.

Deshalb darf sich auch h2oeye sicher fühlen, der jüngst in einem Forum Kreditkarten verkaufen wollte: "Gestohlen am 23.8. in Turin." Als ein kritischer Nutzer die Echtheit des Angebots anzweifelte, schickte der Verkäufer Fotos mit Teilen der Kartennummern und den vollständigen Namen ihrer Inhaber: Luca C. und Luisa R. "Die Karten kommen per Post und werden so verpackt, dass sie von außen nicht erkennbar sind." Wer bei seinem Angebot schnell genug zugreife, könne damit Bargeld am Automaten ziehen oder Einkäufe bezahlen.

Das Darknet - erfunden vom US-Militär

Es klingt wie Ironie, dass ausgerechnet die US-Regierung das Darknet jährlich mit rund 1,8 Millionen Dollar unterstützt. Tatsächlich wurde es vom US-Militär sozusagen erfunden: Auf der Suche nach einer wirklich sicheren Form der Onlinekommunikation stieß die Marine im Jahr 2001 auf das Projekt "Tor" ("The Onion Router"), das von Studenten gegründet worden war.

Ihre Idee: Indem im Netz alle Daten zwischen Sender und Empfänger verschlüsselt über drei zufällig ausgewählte Server geleitet werden, kann man absolute Anonymität garantieren - eine Art stille Post, bei der die Zwischenstationen keine Ahnung haben, was gerade von wem an wen geschickt wird.

Keiner der drei dabei eingesetzten Server kennt gleichzeitig Absender und Empfänger eines Datenpakets. Außerdem wird die Verbindung alle zehn Minuten erneuert, über andere Knotenpunkte.

Der Preis der Sicherheit: Manchmal muss man im Darknet ein bisschen warten; die Umwege machen die Verbindung langsam. Derzeit sind im Tor-Netzwerk mehr als 5700 Server aktiv.

Die positive Seite des Darknets

Trotz aller Kriminellen, die sich im Darknet austauschen: Es hat auch eine andere Seite. Denn im Schutz von Tor gelangen Nachrichten aus Ländern an die Öffentlichkeit, die das Internet zensieren - etwa Iran, China oder Syrien. Dissidenten können sich über das Schattennetz austauschen und über Missstände berichten, ohne die Rache eines Regimes fürchten zu müssen.

Auch als die Türkei vor einigen Monaten Twitter sperrte, wichen die Nutzer ins Darknet aus. Selbst in der dunkelsten Ecke gibt es eben immer irgendwo ein Licht.


So kommt man ins Darknet

Mit normalen Internetprogrammen wie Safari oder Firefox ist das Darknet nicht erreichbar, weil es in einem abgeschotteten Netz verborgen ist. Stattdessen muss man den Tor-Browser nutzen, den es kostenlos gibt (www.torproject.org). Suchen kann man mit Grams (grams7enufi7jmdl.onion), einer Art Google fürs Darknet. Zahlreiche Links zu Websites, Blogs und sozialen Netzwerken listet auch das HiddenWiki auf (zqktlwi4fecvo6ri.onion).

Wichtig: Wer im Darknet surft, sollte auf keinen Fall Dateien herunterladen - darin verstecken sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Viren, Trojaner oder andere Computerschädlinge.

Artikel vom 07. Oktober 2015

Autor: Michael Fuchs

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