Kinder werden missbraucht. Vermittelt, gebilligt und finanziert vom Jugendamt. Was wie eine wilde Verschwörungstheorie klingt, ist so geschehen. Über drei Jahrzehnte schicken Berliner Jugendämter schwer erziehbare Minderjährige zu pädophilen Straftätern - unter Aufsicht von Helmut Kentler, Bestsellerautor, Sexualwissenschaftler und Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Westberlin Ende der 1960er-Jahre: Ulrich ist 13, abgehauen aus einem Kinderheim, Stricher am Bahnhof Zoo. Er hat kein Zuhause, lesen und schreiben kann er nicht. Heute würden man ihn einen Systemsprenger nennen. Aber: "Sein Vorteil war, dass er gut aussah und dass ihm Sex Spaß machte; so konnte er pädophil eingestellten Männern, die sich um ihn kümmerten, etwas zurückgeben." Dieser Satz stammt von Helmut Kentler, einem damals hoch angesehenen Sexualwissenschaftler. Ab 1969 führt der Forscher in Zusammenarbeit mit der Berliner Jugendbehörde ein Experiment durch: Drei wegen Pädophilie vorbestrafte Hausmeister sollen sich als Pflegeväter um Berliner Straßenjungen kümmern, ganz offiziell, mit Pflegegeld und Supervision durch Kentler. In seinem Gutachten dazu schreibt er 1988: "Mir war klar, dass die drei Männer vor allem darum so viel für 'ihren' Jungen taten, weil sie mit ihm ein sexuelles Verhältnis hatten. Sie übten aber keinerlei Zwang auf die Jungen aus, und ich achtete bei meiner Supervision besonders darauf, dass sich die Jungen nicht unter Druck gesetzt fühlten." Helmut Kentler, Jahrgang 1928, zählt damals zu den Stars der Sexualwissenschaft, als progressiver Erziehungswissenschaftler gefragt bei den Medien. Eine bürgerliche Erscheinung, ein Mann, der im Fernsehen in Anzug und Krawatte verschreckte Eltern über Doktorspiele im Kindergarten, Sexualkundeunterricht und Homosexualität bei Jugendlichen aufklärt. Kein "Spinner" wie die wilden Revoluzzer der Kommune 1, sondern ein seriöser Forscher.
