Der berühmte Dokumentarfilmer und Regie-Dozent Klaus Wildenhahn drehte diese Dokumentation im Stil des Direct Cinema in der Nacht vom 24.12. auf den 25.12.1967 in einer Kneipe auf St. Pauli: Gäste waren Seeleute, Prostituierte, ein namenloser Amateurboxer, Fernfahrer, Stammgäste und Laufkundschaft. Und es gibt die Wirtin, eine grundsympathische Frau in ihren Enddreißigern. Gedreht wurde mit der Handkamera und Originalton, also unmittelbar und direkt. Die Kamera ist nicht versteckt, steht aber auch nicht im Mittelpunkt. Die Menschen wissen, dass sie gefilmt werden, aber es scheint nicht so, dass sie deswegen ihr Verhalten ändern. Der Heiligabend beginnt, die Wirtin zündet vier Kerzen auf dem Adventskranz an. Man trinkt, aus der Jukebox kommt Weihnachtsmusik. Man raucht, die Jukebox ist still, ein Seemann spielt auf der Mundharmonika "Stille Nacht", einem Krawatte tragenden Seemann - es tragen überhaupt so gut wie alle Seeleute Krawatte an diesem Abend - sieht man an, dass ihn das anfasst: Er schluckt. Man trinkt weiter. Und spricht darüber, dass man zu viel trinkt. Die Kamera ist sehr nah dran an den Protagonisten, dennoch ist dieser Film Lichtjahre von einem Sozialporno entfernt. Freddy Quinn mit einem Seemannslied löst die Mundharmonika ab. Auch die Wirtin wird melancholisch und raucht eine Zigarette nach der anderen, die Stammgäste werden von ihr geduzt, die Laufkundschaft gesiezt. Ein Laufkunde, der über den Tresen eine ganze Flasche Rum kaufen will, wird von ihr abgewiesen. Er bekommt ein Glas Rum mit Cola, aber keine ganze Flasche. Im Laufe des Abends werden alle Gäste immer betrunkener. Es herrscht ein rauer Ton aber fast keine Aggressivität. Die Wirtin wird respektiert und die Kamera im Raum zunehmend ignoriert - samt Filmemacher und Tonmann. Zerstörte Lebensläufe, Trauer. Auch die Wirtin trauert, wenn jemand an Heiligabend betrunken ist, denn sie weiß, dass das einen Grund hat.





