Ingeborg Bachmann fürchtete sich vor Herrn Moll. Die Figur aus ihrer Erzählung "Das dreißigste Jahr" steht für alle Bescheidwisser, für alle, die sich vermeintlich in der Welt auskennen, die immer wissen "wie der Hase läuft", die andere Menschen einordnen und ihnen ein Etikett umhängen. Die Erzählung aus dem Jahre 1961 war nicht die erste, in der Ingeborg Bachmann das Unrecht thematisierte, das wir denjenigen antun, die wir vorschnell zu kennen glauben. Damals wusste Ingeborg Bachmann noch nicht, wie sehr sie selbst einmal in den Widerstreit von Stilisierungen, Idealisierungen, Gerüchten, Urteilen und Vorurteilen geraten würde: Sie war für Marcel Reich-Ranicki die "vielleicht bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin unseres Jahrhunderts", aber er nannte sie auch eine "gefallene Lyrikerin", als sie es wagte, seinen Vorstellungen nicht zu entsprechen und Prosa zu schreiben. Manche meinten, sie habe Hilflosigkeit bewusst eingesetzt, um männliche Beschützerinstinkte zu wecken. Anderen gilt sie als "Ikone des Feminismus" , wieder anderen als heulende Sirene der absoluten Liebe. Eine, die mit bedeutenden Schriftstellern, Paul Celan und Max Frisch, zusammen war, aber in der Liebe dennoch gescheitert ist. Schließlich, ihres nie vollständig aufgeklärten Todes wegen, blieb noch der "Mythos Bachmann". Heinrich Böll sagte in seinem Nachruf über sie, man habe die Dichterin selbst "zur Literatur gemacht". Die Zeit ist weitergegangen, vieles verstehen wir heute anders. Viel Neues über Ingeborg Bachmann ist bekannt geworden, etwa ihre Korrespondenz mit Paul Celan und Hans-Werner Henze, zahlreiche Funde, sowie verschiedene Biographien und wissenschaftliche Arbeiten. Es ist Zeit, sich erneut mit der Schriftstellerin befassen und zu fragen, wie wir heute auf Ingeborg Bachmann schauen, ob wir sie inzwischen deutlicher sehen können. Wie nah sie uns ist. Ohne ihr gleich wieder ein Etikett überstülpen zu wollen.

