Der bekannte Fernsehmann Dieter Ertel drehte 1960 für den SDR einen Film über die Tour de France. Dieser Film lief in der Reihe "Zeichen der Zeit", die ebenfalls von Ertel erfunden und redaktionell betreut wurde. Er beendet seine Anmoderation mit den Worten: "Und nun lassen Sie uns Ihnen ein Bild geben von einer der erregendsten Veranstaltungen in Europa!" Und schon springt die Kamera nach Limoges, das bei der Tour 1960 eines der Etappenziele war. Die Stadt Limoges musste für diese Ehre 25.000 Mark an die Veranstalter bezahlen. Die Zuschauer ziehen im Sonntagsstaat samt Kindern an die Straßen, die selbstverständlich extra für die Tour für den normalen Verkehr gesperrt wurden. Und bereits Stunden vor der Ankunft der Sportler beginnt auf diesen Straßen ein Höllenspektakel, denn die Karawane mit den Reklamefahrzeugen fährt der Tour jeden Tag voraus. Auch damals schon war die Tour vor allem ein riesengroßes Geschäft. Ertel lässt daher offen, ob man die teilnehmenden Radrennfahrer als Galeerensträflinge oder Giganten der Landstraße nennen soll. Die ausgezehrten Gesichter der Teilnehmer im Etappenziel zeigen jedoch vor allem vollkommen erschöpfte Männer, die viel älter aussehen als sie sind. Dieter Ertel meint dazu: "Denn wem springt schon nach 244 Kilometern Radfahrt die Lebenslust aus den Augen?" Und lustig ist das Ganze tatsächlich nicht, der große Tourfavorit Roger Rivière stürzt bei einer rasenden Abfahrt in den Cevennen einen Abhang hinunter. Was man damals noch nicht wusste: Dieser Unfall zwang ihn für den Rest seines Lebens in den Rollstuhl. "Kleinere" Blessuren hingegen wie z. B. stark blutende Kopfplatzwunden halten die Fahrer keineswegs davon ab, durchzuhalten und sich erst am Etappenziel verarzten zu lassen. Ein Foto in der Tagespresse am nächsten Tag "entschädigt" sie dafür. Die Tour absolvierte damals in 21 Tagen - es gab nur einen einzigen Ruhetag - mehr als 4.200 Kilometer, wobei 22 Pässe zu überwinden waren. Ging das damals noch ohne Doping?
