Olivia Jones über ihren steinigen Weg, den richtigen Zeitpunkt ihrer Verfilmung – und warum Toleranz kein Geschenk ist, sondern Kampf.
TV DIGITAL: Ist im Film alles wirklich so passiert – oder hat die Dramaturgie nachgeholfen?
OLIVIA JONES: Nein. Es ist alles so passiert, wie es da im Film zu sehen ist. Auch die Musterungssituation hat genauso stattgefunden.
TV DIGITAL: Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Ihre Geschichte zu verfilmen?
OLIVIA JONES: Dieser Film steht für Mut, für Diversity und dafür, dass man so lebt, wie man leben möchte. Im Moment erstarken rechte Parteien, die Ausgrenzung queerer Menschen hat zugenommen, die Gewalt gegen Homosexuelle ebenfalls. Deswegen ist es genau jetzt der richtige Zeitpunkt, den Finger in die richtige Wunde zu legen. Toleranz ist etwas, das man immer wieder neu definieren und erkämpfen muss.
TV DIGITAL: Waren Sie beim Dreh dabei?
OLIVIA JONES: Ich war bei den Drehtagen in Springe, als die Szenen mit Annette Frier als meine Mama gedreht wurden. Dass ich einmal zu Annette Frier „Mama" sagen darf – das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich war total geflasht, mit wie viel Herzblut sie gespielt hat und wie sehr sie sich vorbereitet hatte. Und mein Kinderzimmer sah wirklich genauso aus wie damals. Das war sehr emotional.
TV DIGITAL: Ihre Kindheit war hart. Auf einer Skala von null bis zehn – wie hart war es wirklich in Springe?
OLIVIA JONES: Zehn. Ich bin einfach so, wie ich bin – und ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe nur versucht, das Beste daraus zu machen. Und ich habe mich immer gewundert über diesen Gegenwind, weil ich mich ja nur anders gekleidet habe. Dass man dafür so ausgegrenzt wird und sich plötzlich die gesamte Familie für einen schämt – damit muss man als junger Mensch erst mal umgehen können.
TV DIGITAL: Was war das Schlimmste – und was das Schönste?
OLIVIA JONES: Das Schlimmste war, nicht akzeptiert zu werden, wie ich bin. Ich hatte mich ja als Person überhaupt nicht verändert. Und plötzlich schämte sich alles für mich. Das Schönste war, dass ich sehr gut mit Menschen umgehen konnte, immer eine gute Portion Selbstironie hatte – und über Shows, Auftritte und Freunde sehr schnell Anerkennung, Würdigung und Liebe erfahren habe. Das, was ich bei der Familie vermisst habe.
TV DIGITAL: Gab es ein reales Vorbild für den Nachbarn Herrn Kiesewetter?
OLIVIA JONES: Ja, genau so etwas – und davon gab es mehrere. Es gab Lehrer, die mir gesagt haben, ich sei eine Schande für die Schule. Im Zug hat mich einmal ein älterer Herr angespuckt und gesagt, so was gehört vergast. Das waren krasse Erlebnisse. Ich bin sehr froh, dass ich daran nicht verzweifelt bin und trotzdem meinem Herzen gefolgt bin.
TV DIGITAL: Hatten Sie nie angesichts der immensen Diskriminierung jemals Suizidgedanken?
OLIVIA JONES: Doch, die hatte ich auch. Das gehörte einfach dazu, weil ich irgendwann so verzweifelt und so allein war. Aber ich bin Gott sei Dank ein positiver Mensch, der sehr mutig ist und immer an sein Herz geglaubt hat. Ich habe früh gelernt, Aggressionen und Shitstorm als Rückenwind zu nehmen und mir gedacht: Jetzt erst recht.
TV DIGITAL: War Ihr Vater wirklich Bankräuber?
OLIVIA JONES: Ja. Er hat bei der Bank, bei der er angestellt war, eine Millionensumme unterschlagen. Das Schlimme war, dass ich mich, als ich ihn nach dem Gefängnis getroffen habe, immer noch für mich selbst geschämt habe – so tief hatte sich das eingebrannt. Heute würde ich ihm ganz andere Dinge sagen. Aber damals war ich noch nicht bereit dafür. Das hinterlässt sehr tiefe Wunden. Was ich machen kann, ist, nicht so zu sein wie er. Und das ist mir Gott sei Dank ganz gut gelungen.
TV DIGITAL: Er ist inzwischen verstorben?
OLIVIA JONES: Ja.
TV DIGITAL: Was war der Wendepunkt im Verhältnis zu Ihrer Mutter?
OLIVIA JONES: Dass ich mich langsam etabliert habe und sie gemerkt hat, dass ich doch davon leben kann und nicht verelende und das für mich der richtige und der einzige Weg ist. Und dass ihre Ängste nicht wahr geworden sind. Außerdem habe ich irgendwann verstanden, dass auch sie eine Menge Gegenwind hatte – von Freunden, von Nachbarn und auch Angst um mich, dass ich verarme und niemals glücklich werde. Das war mir damals gar nicht bewusst.
TV DIGITAL: Stimmt die Geschichte mit dem Fotoalbum, das Ihre Mutter Ihnen geschenkt hat?
OLIVIA JONES: Ja. Sie hatte heimlich jahrelang alle Zeitungsartikel und Fotos gesammelt – ohne dass ich es wusste. Wir haben inzwischen viel miteinander gesprochen und haben eine ganz andere Sicht auf diese Zeit.
TV DIGITAL: Hat sie den Film schon gesehen?
OLIVIA JONES: Nein, noch nicht.
TV DIGITAL: Ihr TV-Durchbruch begann im Film mit der Diamonds-Nummer bei Lilo Wanders – als die Bälle, die Ihre Brüste darstellten, aus dem Dekolleté hüpften. War das wirklich so?
OLIVIA JONES: Ja, das ist einfach passiert. Die Perücke ist verrutscht, die Brüste sind gehüpft, und ich habe gemerkt, dass das genau das ist, was das Publikum liebt. Ich hatte schon immer Mut zur Hässlichkeit. Als ich anfing, wollten Travestie-Künstler aussehen wie Frauen – schöne Frauen, in Paillettenkleidern. Ich war eher Richtung Nina Hagen unterwegs. Überzeichnet, lustig, gegen den Strom. Das war mein Erfolgsrezept.
TV DIGITAL: Wann kam die Initialzündung für „Olivia Jones" – und warum der Nachname Jones?
OLIVIA JONES: Das war ein schleichender Prozess. Ich war New-Wave-mäßig unterwegs, schwarze Klamotten, und das wurde immer femininer. Ich habe entdeckt, dass ich es liebe, mit Geschlechterrollen zu spielen, gegen den Strom zu schwimmen, alles was glitzert und bunt ist einfach zu leben. Irgendwann konnte man daraus eine Show machen. Und Jones – das ist mir einfach eingefallen. Olivia wegen Oliver. Und Jones ist ein Name, mit dem man alles machen kann, den man rumreißen kann. Den fand ich cool.
TV DIGITAL: Innerhalb der queeren Community gibt es auch Hierarchien und Abgrenzungen. Wie erleben Sie das?
OLIVIA JONES: Das ist sehr, sehr schade. Manchmal geht es innerhalb der Community zu wie unter Krokodilen. Aber wenn es darauf ankommt, hält sie zusammen – das sieht man an den CSDs, die immer größer werden. Eine Zeit lang wurde gefragt, warum eigentlich noch CSDs, das sei doch nur noch eine Party. Heute wissen wir, dass der politische Hintergrund wichtiger ist denn je.
TV DIGITAL: Macht Ihnen die aktuelle Entwicklung Angst?
OLIVIA JONES: Ein bisschen schon, weil es weltweit einen Rechtsruck gibt. Aber ich bin ein positiver, optimistischer Mensch. Der Großteil der Gesellschaft ist liberal und unterstützt Toleranz und Diversity. Man muss das Ganze sehr wachsam im Auge behalten.
TV DIGITAL:War die Aids-Epidemie wirklich so an Ihnen vorbeigegangen?
OLIVIA JONES: Sie war ein großer Schatten – aber ich war sehr jung. Ältere Schwule sind von einer Beerdigung zur nächsten gegangen. Ein Freund von mir war HIV-positiv, und ich habe erlebt, was das für Ängste und Ausgrenzungen bedeutete. Aber die Community hat gekämpft und sich den Mund nicht verbieten lassen. Ich bin froh, dass wir diese Stigmatisierung mit Medikamenten und Aufklärung überwunden haben.
TV DIGITAL: War Humor immer Ihre wichtigste Überlebensstrategie?
OLIVIA JONES: Humor, Selbstironie und Improvisationstalent – das sind die drei. Und Mut zur Hässlichkeit. Humor ist der wichtigste Baustein in meinem Leben. Wer bei mir arbeiten will, muss auf jeden Fall eines können, nämlich ein bisschen lustig sein. Sonst kommt man bei mir nicht weit.
TV DIGITAL: Was ist heute Ihr Lebensmotto?
OLIVIA JONES: Leben und leben lassen. Und eigentlich: Nützt ja nichts. Augen zu und durch.
TV DIGITAL: Sind Sie heute komplett frei – oder kämpfen Sie immer noch?
OLIVIA JONES: Ich bin heute komplett frei, auch wirtschaftlich, mit meinen Bars, Theatern und Kult-Kieztouren. Die feiern übrigens in diesem Jahr 20-jähriges und wir haben gerade mit Olivias Dschungel Bar Deutschlands erste Reality TV Bar eröffnet, mit Party, Quiz und Dschungelprüfungen. Das hätte ich selbst alles nie für möglich gehalten. Und ich freue mich, dass ich andere unterstützen kann. Die Olivia-Jones-Familie ist ein Nest für Paradiesvögel, die ihre Leidenschaft auf dem freien Arbeitsmarkt kaum ausleben könnten. Ich bin sehr stolz auf mich und darauf, dass ich Unterhaltung mit Haltung mache und immer meinem Herzen gefolgt bin.
TV DIGITAL: Was steht ganz oben auf Ihrer Bucket-List?
OLIVIA JONES: Ich hoffe, dass alles so bleibt, wie es ist. Und ich wünsche mir ein Olivia-Jones-Mainzelmännchen beim ZDF. (lacht)
Die Filmbiografie „Olivia“ läuft heute, am 13. Mai 2026, im ZDF und jederzeit in der ZDF-Mediathek.